| ST. CYRIAKUS | | |
| FESTSCHRIFT | ||
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Weihe der St. Cyriakus-Kirche in Braunschweig (Weststadt) am Samstag, dem 23. Juni 1973 |
Juni 1973
Herausgegeben von Pastor Alfred Merten. Gestaltung: J. Frenzel
Bildnachweis:
Seite 4, Sigrid Peinelt-Merck Hahnenklee;
Seite 8 und 34, mit Genehmigung des Niedersächsischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel;
Seite 16, mit Erlaubnis des Landesmuseums an der Ägidienkirche;
Seite 28, mit Erlaubnis des Herzog-Anton-Ulrich-Museums;
Seite 20 und 22, Druck erfolgt mit Genehmigung des Staatlichen Kunstgewerbemuseums
(Preußischer Kulturbesitz) in Berlin - Charlottenburg;
alle übrigen Fotos: J. Frenzel
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Siehe das Zelt Gottes unter den Menschen, und er wird bei ihnen sein Zelt aufschlagen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Offenbarung 21,3 |
Heinrich Maria Janssen Bischof von Hildesheim |
Grußwort des Bischofs
Liebe Schwestern und Brüder in der St. Cyriakus-Gemeinde in Braunschweig!
Nun werden die Wochen und Tage gezählt bis zur Kirchweihe von St. Cyriakus in Braunschweig.
Ich freue mich herzlich, daß der Konsekrationstag festgelegt werden konnte,
und werde zur Kirchweihe gerne kommen.
Die erste Kirchweihe nach meiner Bischofskonsekration hatte ich im Dekanat Braunschweig;
in Rüningen wurde damals die St. Hedwigskirche geweiht. Inzwischen ist in
Braunschweig und im Umkreis manches Gotteshaus erstanden und manche Gemeinde neu
gegründet worden. St. Cyriakus wird die jüngste Kirchengemeinde in Braunschweig sein.
Die Ballungsräume in den Außenbezirken unserer Großstädte sind eine nicht leichte und
uns sehr bedrängende Aufgabe. In diesen neu entstehenden Stadtteilen rufen sehr bald
sich bildende Christengemeinden nach einem Gotteshaus. In einer Zeit, in der das Gerede
von der Aversion gegen die Kirche immer stärker wird, in der nicht wenige auf
Distanz zur Kirche gehen und in einem hohen Maße Kritik an der Kirche geübt wird, ist
es doch bemerkenswert, daß allerwärts noch neue Kirchengemeinden sich bilden und nach
einem Kirchbau gerufen wird. Von den nun fast 250 Kirchen, die in den letzten 20 Jahren
in unserem Bistum erbaut wurden, ist keine einzige errichtet worden, weil der Bischof
oder die Bischöfliche Behörde es so wollten. Die Menschen haben nach der Kirche
gerufen und, wie auch in Braunschweig St. Cyriakus, in einer bewundernswerten Opferbereitschaft
für den Kirchbau sich eingesetzt. Ich kann nur in großer Dankbarkeit
nach Braunschweig kommen und mit großer Freude über diese auch heute noch lebendige
kirchliche Gesinnung, in der dort Gemeinde des Herrn wächst.
Es wird immer so sein, eine Gemeinde baut ihre Kirche. Aber der Kirchbau fügt auch
die Gemeinde zusammen. Die herrliche Aufgabe, die der Bau einer Kirche darstellt, ist
für eine Gemeinde ein starker Zusammenhalt. Möchte dann in der Zukunft die gleiche
wache Bereitschaft und die freudige Anteilnahme ebenso lebendig bleiben für den Bau
des gemeindlichen Lebens, daß nun in St. Cyriakus sich besser konsolidieren kann.
Gott segne die St. Cyriakus-Gemeinde und füge alle ihre Glieder "als lebendige Bausteine
zu einem geistigen Tempel für Gott" (1 Petr. 2,5) zusammen.
Ihr Bischof
Heinrich Maria Janssen
Zur Einweihung der neuen Kirche der katholischen Sankt-Cyriakus-Gemeinde an der
Donaustraße übermitteln wir im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt Braunschweig,
aber auch persönlich, herzliche Grüße und gute Wünsche.
Gerade in der heutigen schnellebigen und hochtechnisierten Zeit mit ihren vielfältigen
Problemen kommt dem Wirken der Kirche, besonders auch in den neuen Wohngebieten
mit überwiegend jungen Familien, eine besondere Bedeutung zu.
Wir hoffen daher, daß sich die neue Kirche zu einem seelsorgerischen Zentrum in der
Weststadt entwickeln möge.
Der Einweihungsfeier wünschen wir einen würdigen Verlauf.
Walter Klöditz, Oberbürgermeister
Hans-Günther Weber, Oberstadtdirektor
Für die Ev.-luth. Gemeinde entbiete ich der röm.-katholischen Gemeinde zum Tage
der Kirchweih von St. Cyriakus herzliche Segenswünsche.
Inmitten der großen Wohnhäuser unseres Neubaugebietes ist ein aus der Norm fallendes
Gebäude entstanden. Der ganzen Gemeinde steht nun endlich ein würdiger Raum
zur Verfügung, um das Wort Gottes zu hören und die Heiligen Sakramente zu feiern.
Im Zeichen des geistigen und geistlichen Umbruchs unseres Landes werden die Kirchen
zunehmend mehr zu Stätten freien Hörens werden. Die Inflation der Meinungen
wird suchende Menschen neu hinführen zur Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus.
Es ist unser Wunsch, daß mit der Weihe von St. Cyriakus in unserem Stadtteil
ein noch stärkeres Suchen und Fragen nach dem beginnt, was uns Gott für alle Bereiche
unseres Denkens und Lebens anbietet.
Mehr denn noch vor wenigen Jahren wird den Christen inmitten der großen Steinwüste
das Wort Jesu an seine Jünger gelten: "Ihr seid das Licht der Welt. Lasset Euer Licht
leuchten vor den Leuten, auf daß sie Eure guten Werke sehen und Euren Vater im Himmel
preisen".
Gott segne den neuen Kirchbau und alle, die ein- und ausgehen.
Dankward Apitz, Pfarrer am "Haus der Kirche"
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| Roderich Piekarek |
Geschichte des Kollegiatstiftes St. Cyriacus
Dieser Ausschnitt aus dem bekannten Bild der "Hochberuembten Statt Brunnschwig"
von Peter Spitzer aus dem Jahre 1547 vermittelt uns als absolut einzige Quelle das
ungefähre Aussehen jenes Cyriacus Stiftes, das sich einst auf einem Hügel am westlichen
Okerufer vor den Mauern Braunschweigs erhob und rund 500 Jahre lang ein
Mittelpunkt geistlichen Lebens war. Auf der rechten Seite dieses Spitzersehen Holzschnittes
erkennt man südwestlich der mittelalterlichen Stadtmauer eine von Wall,
Graben und Palisadenwand umgebene klösterliche Anlage, überragt von den Doppeltürmen
einer vermutlich romanischen Kirche, bestehend aus einer größeren Anzahl
von Gebäuden, in denen man außer den 12 Kanonikalkurien die Propstei, die
Choralei, die Schule, das Spital, die Kornspeicher und verschiedene andere Wirtschaftsgebäude
zu sehen hat, die nach erhaltenen schriftlichen Zeugnissen nachweislich
dort gestanden haben.
Auf allen späteren Stadtansichten, so etwa auf dem Merian-Stich von 1652 oder auf
dem Stadtbild Bernhard Friedrich Werners von 1721, um nur die bekanntesten zu
nennen, ist vom Cyriacusstift nicht mehr das geringste zu sehen. Die ganze Anlage
war damals bereits restlos dem Erdboden gleichgemacht und diente als Viehweide,
und nur noch der Name "Möncheberg" erinnerte die Braunschweiger in den nächsten
300 Jahren daran, daß dort einmal ein dem Blasiusstift ähnlicher Gebäudekomplex
gestanden hatte. 1838 wurde schließlich auch dieser Stiftshügel gänzlich eingeebnet,
als man das Gelände für den Bahnhof der ersten Eisenbahnstrecke im Herzogtum
Braunschweig benötigte» (Heute steht das neue Hochhaus der Norddeutschen
Landesbank an derselben Stelle.)
In den 20er Jahren unseres Jahrhunderts suchte man die Erinnerung an das einstige
Stift wieder wachzurufen, indem man den südwestlichsten Teil der neuen großen
Ringstraße mit "Cyriaksring" bezeichnete und zwei Straßen in der Nähe des (alten)
Hauptbahnhofs die Namen Ekbert- und Odastraße erhielten, womit an die brunonische
Gründerfamilie des Stiftes erinnert werden sollte.
Die Stifterfamilie
Die Gründung des Cyriacusstiftes erfolgte um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Originalurkunden über die Grundsteinlegung oder die Kirchweihe sind nicht erhalten, sondern man kennt die Vorgänge nur aus Zeugnissen späterer Zeiten, und diese sind lückenhaft genug. Übereinstimmend wird in allen ein Markgraf Ekbert aus der Familie der Brunonen als Stifter genannt, doch tauchten schon in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung Zweifel darüber auf, ob es sich dabei um Ekbert I. (+1068) oder um dessen Sohn Ekbert II. (+1090) handelt. 1)* Neuerdings neigt man der Ansicht zu, daß beide am Auf- und Ausbau des Stiftes beteiligt waren und der Sohn nur das begonnene Werk des Vaters fortsetzte und vollendete 2) Die Brunonen führten ihr Geschlecht auf einen Gaugrafen Bruno zurück, der um 800 im Kampf gegen die Dänen gefallen sein soll. Im 10. und 11. Jahrhundert gehörten sie zu den reichsten und angesehensten Adelsfamilien in Niedersachsen, und da sie durch Gisela, die Gemahlin Kaiser Konrads II. (1024-39), mit dem salischen Kaiserhaus verwandt waren, spielten sie auch in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Nach einem Grafen Bruno aus dem 10. Jahrhundert erhielt die damalige Kaufmannssiedlung am Okerübergang nahe der Burg Dankwarderode, dem vermutlichen Stammsitz der Familie, den Namen Brunswik = Brunow Wik, 3) und unter diesem Namen entwickelte sich der Ort in den nächsten Jahrhunderten zu der mittelalterlichen Großstadt Braunschweig. Auf die Brunonen geht auch eine größere Anzahl von kirchlichen Stiftungen zurück, in Braunschweig selbst allein zwei Kollegiatstifte und ein Kloster, die sämtlich innerhalb eines Jahrhunderts ins Leben gerufen und mit beachtlichem Grundeigentum aus dem Allodialbesitz der Familie ausgestattet wurden. Zunächst entstand unter dem Grafen Liudolf (+1038) und seine Gemahlin Gertrud (I.) um 1030 unmittelbar neben der Burg das alte Domstift, dessen Kirche den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht wurde . (Erst später nach dem Neubau durch Heinrich den Löwen wurde der Märtyrerbischof Blasius zum Hauptpatron erkoren, weshalb man seit Ende des 12. Jahrhunderts vom Blasiusstift sprach.) Dann wuchs zwischen 1045 und 1085 vor den Mauern der Altstadt (falls diese überhaupt schon Mauern hatte) auf dem bereits erwähnten Hügel am westlichen Okerufer das Kollegiatstift St. Cyriacus empor. Schließlich gründete noch vor 1115 Ekberts II. Schwester, die dreimal verwitwete Markgräfin Gertrud (II.) auf einem Hügel am Ostufer der Oker das Benediktinerkloster St. Ägidien.
Welche Beweggründe veranlaßten damals nicht nur die Brunonen, sondern auch andere
Adelsfamilien zu solch aufwendigen kirchlichen Stiftungen? Die landläufige und sogar
durch Urkunden belegbare Antwort lautet "zur Ehre Gottes, der Gottesgebärerin Maria 4)
und dieser oder jener Heiligen". Man könnte hinzufügen, daß jenen Stiftern wahrscheinlich
auch die wirtschaftliche Förderung ihrer Gebiete und die geistige Bildung
ihrer Untertanen am Herzen lag, waren doch vom 9. bis zum 12. Jahrhundert die Klöster
und Stifte die hauptsächlichsten Zentren und Vermittlungsstätten von Bildung und
Kultur. Aber man wird mit solcher Auslegung den wahren Intentionen dieser Grafen und
Fürstenfamilien nicht ganz gerecht. Der tiefste Grund für die Errichtung von Kirchen
und Klöstern durch die Adligen jener Zeit ist in der Sorge um das eigene Seelenheil
und das ihrer nächsten Angehörigen zu suchen. Man glaubte hierfür am besten gesorgt
zu haben, wenn man sich eine eindrucksvolle Begräbnisstätte in Form einer Grabeskirche
erbauen ließ und ein Priesterkollegium oder eine klösterliche Gemeinschaft
testamentarisch dazu verpflichtete, "für immerwährende Zeiten" die Memorien, d. h.
die Vigilien (= das Totenoffizium) und die Seelenmessen für den Stifter und seine Familie
zu zelebrieren. Jene ritterlichen Herren, die oft ein Leben lang nicht aus dem
Sattel kamen und in zahllose Fehden und kriegerische Unternehmungen verstrickt waren,
wobei es naturnotwendig nicht ohne mancherlei Gewalttat, Unrecht, Verrat und
Treuebruch abging, entwickelten gelegentlich ein erstaunliches Sühnebedürfnis, und
gern gaben sie einen beträchtlichen Teil ihres Landbesitzes hin, um sich die ewige
Seligkeit zu sichern. Die Heiligen, denen zu Ehren man ein Gotteshaus errichtete, gewann
man sicher als himmlische Fürsprecher, und das ständige Gebet einer eigens
hierfür bestellten Klerikerschar war wohl imstande, Gottes verzeihende Barmherzigkeit
zu erflehen. Entsprechend der Bußpraxis der mittelalterlichen Kirche konnte man
seine Sünden nur durch augenfällige Bußleistungen sühnen, und zum gültigen Empfang
des Bußsakramentes gehörte damals (im Gegensatz zu späteren Zeiten) unabdingbar eine
ausreichende Genugtuung in Form von Gebeten, Fastenübungen und Almosen, d. h.
Hergabe von Vermögenswerten für einen kirchlichen Zweck, wollte man nicht riskieren,
im Jenseits lange Fegfeuerstrafen erleiden zu müssen.
Unter diesem Blickwinkel muß man auch die erwähnten Stiftungen der Brunonen und
anderer Adelsfamilien sehen: als Glieder einer langen Kette, die im niedersächsischen
Raum vom Kanonissenstift Gandersheim (856) über Lamspringe (873), Ringelheim (940),
Heiningen(1013) und ein Dutzend anderer Klöster reicht, bis hin zu den großen
Benediktinerklöstern Bursfelde (1O9O) 5) und Königslutter (1135), der imposanten Stiftung
Kaiser Lothars III. (Der herrlichsten Grabkirche dieser Art. des Speyerer Domes,
sei hier nur am Rande gedacht!) Diese Kette setzt sich fort in zahlreichen Klostergründungen
des 12. Jahrhunderts, von denen hier nur noch Wöltingerode (1174) und
Dorstadt (1198) erwähnt seien. Das gemeinsame Merkmal aller dieser Stifte und Klöster
ist ihr Charakter als Eigenkirchen einer bestimmten Adelsfamilie, womit deren
Recht auf eine Grablege an bevorzugter Stelle innerhalb des Gotteshauses verbunden
war, daneben aber auch die Übernahme der Patronats- und Vogteirechte, d. h. des
Schutzrechtes nach außen gegenüber anderen weltlichen Mächten oder Instanzen. Auch
die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit auf dem Stifts- oder klostereigenen Grund
und Boden gehörte zum verbrieften Recht der Stifterfamilie. 6) Als besonders wichtig
erwies sich in der Folgezeit, vor allem bei den Kollegiat- und Kanonissenstiften, das
aus dem Patronat hergeleitete Präsentationsrecht, also das Vorschlagsrecht bestimmter
Personen für Kanonikatsstellen im Falle eintretender Vakanzen. Hier bot sich dem
jeweiligen Patronatsinhaber eine ausgezeichnete Möglichkeit, nachgeborene Söhne
oder unverheiratete Töchter seiner Ministerialen standesgemäß unterzubringen, wobei
natürlich die Dignitärstellen (Äbte, Äbtissinnen, Pröpste, Dechanten) weitgehend den
Angehörigen der Stifterfamilie selbst vorbehalten blieben. Andererseits konnte der
Patron seine Kanzlisten, Geschäftsträger oder die Erzieher seiner Kinder jederzeit
aus den Reihen "seiner" Stiftsgeistlichkeit nehmen. Gelegentlich wurden auch verdiente
Ministerialen mit den Einkünften einer Kanonikerpfründe belohnt, und wenn der
Betreffende selbst nicht Kleriker war, konnte ein Vikar die mit dem Kanonikat verbundenen
geistlichen Verrichtungen wahrnehmen. Es bestand also stets eine enge Verbindung
zwischen dem Stifter und seinem Stift. Als nach dem Aussterben der Brunonenfamilie
deren Güter durch Erbschaft an die Welfen kamen, ging selbstverständlich
auch das Patronatsrecht über die Braunschweiger kirchlichen Stiftungen an diese
Fürstenfamilie über, und bis zur Säkularisation 1803, ja sogar über diesen Zeitpunkt
hinaus, legten die Welfenherzöge größten Wert darauf, die einträglichen Kanonikatsstellen
mit Angehörigen des Herzogshauses, mit Ministerialbeamten oder mit sonstigen
Hofbediensteten zu besetzen.
Im 11 . Jahrhundert, also während der Bauzeit der Cyriacuskirche und der Anlage der
älteren Stiftsgebäude , war das Schicksal der Brunonen aufs engste mit dem salischen
Kaiserhause verknüpft. Liudolf, der Mitbegründer des Domstiftes, war ein Halbbruder
Kaiser Heinrichs III. und gehörte zu den treuesten Gefolgsleuten Kaiser Konrads II.,
des 3. Gemahls seiner Mutter Gisela. 7) Als nach seinem Tode sein ältester Sohn Ekbert
ihm als Graf von Braunschweig folgte (1038), übernahm dieser mit dem väterlichen
Erbe natürlich auch die unbedingte Treue zum Herrscherhaus, und auch nach dem frühen
Tode Heinrichs III. zu Bodfeld im Harz 1056 unterstützte er die Kaiserin Agnes in
ihrer schwierigen Stellung gegenüber aufsässigen Herzögen und in ihrer Sorge um die
Erhaltung des Thrones für ihren unmündigen Sohn Heinrich IV. Später jedoch schloß
sich Ekbert I. den opponierenden Fürsten an, die mit dem "Weiberregiment" der Kaiserinwitwe
unzufrieden waren und unter Führung des Erzbischofs Anno von Köln den
Königssohn dem mütterlichen Einfluß zu entziehen trachteten. Bei der berüchtigten
Entführung des Knaben Anfang Mai 1062 von Swibertswerth (heute Kaiserswerth) nach
Köln gehörte Ekbert zu jenen Edlen, die den ahnungslosen Jungen auf das prächtig geschmückte
Schiff des Erzbischofs lockten. Als dieses dann plötzlich vom Lande abstieß
und Heinrich voller Angst in den Rhein sprang, um zu seiner Mutter in die Pfalz zurückzufliehen,
da war es Ekbert, der ihm nachsprang und den beinahe Ertrinkenden
den Fluten entriß.
Die Regentschaft des Reiches übernahm nun anstelle der Kaiserin im Namen des entführten
Königs der herrische Erzbischof Anno, und Heinrich selbst wurde fürs erste
einmal einer strengen, asketischen Erziehung unterworfen, die ihm bekanntlich ebensowenig
gut tat wie nachher die laxe und nachgiebige Erziehung durch den Bremer
Erzbischof Adalbert. Zu letzterem hatte Ekbert nie ein besonders gutes Verhältnis,
sahen doch die sächsischen Edlen in diesem Thüringischen Grafensohn, der von seinem
Zögling Heinrich reich mit sächsischen Besitztümern ausgestattet wurde, nicht
ganz zu Unrecht einen überheblichen Eindringling und Usurpator. Dagegen entwickelte
sich zwischen Ekbert und dem Hildesheimer Bischof Hezilo (1054-79) ein fast freundschaftliches
Einvernehmen, zumal der Graf von Braunschweig bedeutende Ländereien
vom Stift Hildesheim zu Lehen trug. Dieser Umstand brachte Ekbert freilich auch in
Zusammenhang mit dem ärgerlichen Rangstreit Hezilos mit dem Fuldaer Abt Widerad
am Weihnachtsfest 1062 und am Pfingstfest 1063 im Goslarer Dom. Bei dem blutigen
Gemetzel, das die Anhänger beider Prälaten sich dort vor den Augen des entsetzten
13jährigen Königs lieferten, und zwar vor Beginn der Pfingstvesper, war Ekbert der
Anführer der Hildesheimer Ritter, die ihren Bischof vor den Angriffen seiner Gegner
mit der Waffe schützten. 8) 1O65 erfolgte die Mündigkeitserklärung Heinrichs IV.
und im Jahr darauf die Entmachtung Adalberts von Bremen. Danach scheint sich das
Verhältnis Ekberts zum König wieder sehr gebessert zu haben, sonst hätte dieser ihn
wohl kaum 1067 mit der Mark Meißen belehnt. Lange konnte sich Ekbert jedoch der
Markgrafenwürde nicht erfreuen, da er bereits 1068 starb; nicht ohne vorher seinen
Sohn mit der Tochter des vorherigen Markgrafen Otto von Meißen vermählt zu haben.
Es war eine der typischen Kinderehen jener Zeit, denn sowohl Ekbert II. wie Oda
waren noch unmündig. Der dem Brunonengeschlecht noch immer günstig gesonnene
König bestätigte den jungen Ekbert in seinen Würden als Graf von Braunschweig und
Markgraf von Meißen.
Das änderte sich jedoch gründlich, als der große Sachsenaufstand von 1073 gegen
Heinrich IV. ausbrach und Ekbert II. unter dem Einfluß seiner Schwiegermutter Adela
zu den Feinden des Königs überging. Dieser Schritt bedingte den weiteren tragischen
Lebensweg dieses letzten männlichen Brunonen, der sich nur zu bald gezwungen
sah, zwischen den tödlich verfeindeteten Parteien hin und her zu lavieren und
sich dadurch bei den Historikern den Ruf eines wankelmütigen und charakterlosen
Fürsten zu erwerben. 9) In den erbitterten Auseinandersetzungen Heinrichs IV. mit
Papst Gregor VII. und in den nicht abreißenden Kämpfen mit den beiden Gegenkönigen
Rudolf von Schwaben und Hermann von Salm, die das Reich in schwerste innere Wirren
stürzten, sehen wir Ekbert II. bald auf der Seite des Königs, bald auf der seiner
Gegner stehen. Nach Niederschlagung des Sachsenaufstandes entkleidete Heinrich
IV. den ungetreuen Markgrafen zunächst seiner Würde und konnte ihn auch nach
hartem Ringen aus der Mark vertreiben. Infolge des wechselnden Kriegsglückes jedoch
sah er sich wenige Jahre später gezwungen, Ekbert wieder einzusetzen (1080).
Es war dies gewissermaßen ein Akt des Dankes dafür, daß sich der Brunone noch vor
der Schlacht bei Flarchheim von denf Gegenkönig Rudolf losgesagt und mit seinem
schlagkräftigen Sachsenheer die Reihen Heinrichs verstärkt hatte. Auch hatte er einen
demütigen Fußfall getan und Treue für alle Zukunft gelobt. Als Heinrichs Gegner
jedoch nach dem Tode Rudolfs, den dieser infolge seiner Verwundungen in der Schlacht
bei Hohenmöhlen erlitten hatte, 10) einen neuen Gegenkönig in der Person des Lothringers
Hermann von Salm aufstellten, ging Ekbert ungeachtet seiner Treueschwüre
zu diesem über und focht für dessen Sache, bis 1085 Heinrich in Sachsen wieder die
Oberhand gewann und der inzwischen mit der Reichsacht belegte Ekbert sich gezwungen
sah, einen neuen Akt zerknirschter Buße dem inzwischen zum Kaiser gekrönten
Heinrich vorzuspielen.
Gegen das Versprechen, ein starkes Heer für des Kaisers Kampf in Thüringen aufzustellen,
erhielt er abermals Verzeihung und die Neubelehnung mit der Markgrafschaft
Meißen. Doch bald ließ sich Ekbert von des Kaisers Feinden bestimmen, wiederum die
Partei zu wechseln, zumal ihm von einigen Fürsten Hoffnung gemacht wurde, daß er
selbst anstelle des zu schwachen Hermann von Salm zum deutschen König gewählt
werden könnte. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. Auf dem Fürstentag zu Quedlinburg
1088 wird Ekbert von einem Fürstengericht unter Vorsitz des Kaisers zum
zweitenmal mit der Reichsacht belegt und aller seiner Güter für verlustig erklärt .
Noch gelingt es ihm, über ein Jahr lang von der Burg Gleichen aus gegen die kaiserlichen
Truppen zu kämpfen und ihnen erhebliche Verluste beizubringen, dann sinkt sein
Stern unaufhaltsam. In wilden Fehden gegen den Bischof Udo von Hildesheim und gegen
den neuen Markgrafen von Meißen, Heinrich von Eilenburg, der obendrein sein
Schwager ist, verzehrt er seine Kräfte. Ruhelos hin und her geworfen, immer bemüht,
wenigstens die ererbten brunonischen Hausgüter wiederzugewinnen, ereilt ihn schließlich
im Juli 1090 der Tod durch Mörderhand. Der Kaiser hatte zwei seiner Dienstmannen
beauftragt, dem unsteten Leben dieses treulosen Vasallen ein Ende zu setzen. Sie
schmeicheln sich bei Ekbert ein unter dem Vorwande, vom Kaiser unwürdig behandelt
worden zu sein. Dieser nimmt sie in sein Gefolge auf, und in einer Julinacht erschlagen
sie ihn in einer Mühle "juxta aquam, quae dicitur Selicha" nahe bei dem Ort "Aysenbuttel".
Bis heute ist nicht restlos geklärt, was unter dem Fluß "Selicha" zu verstehen
ist, ob die Selke im Harz oder die bei Gr. Brunsrode entspringende Salke, die
nach Isenbüttel fließt und sich dort mit anderen Zuflüssen zur Hehlenriede vereinigt .
Da es im Selketal im Harz keinen Ort Aysenbuttel bzw. Eisenbüttel gibt, hat man das
Wort gelegentlich als Eisenhammer gedeutet. Nach der anderen Version wäre der Ort
Isenbüttel bei Gifhörn gemeint, und Ekbert könnte sich auf dem Wege nach der alten
Brunonenfeste Scheverlingenburg, dem heutigen Walle an der Oker, befunden haben,
(eine Deutung die viel Wahrscheinlichkeit für sich hat).
Des Erschlagenen Leiche wurde nach Braunschweig überführt und in der vom Bischof
Hezilo etwa 20 Jahre zuvor geweihten Kirche des Cyriacusstiftes beigesetzt. Nun ruhte
der "Ekbertus Marchio, fundator hujus ecclesiae", nach einem Leben voller Kampf
und Streit endlich in "seiner" Grabkirche, und die Stiftskanoniker wie auch die des
Domes sangen bis zur Reformationszeit an den dafür bestimmten Tagen die Memorien
für seine Seelenruhe. Bei der Zerstörung des Stiftes im Jahre 1545 blieb der Steinsarg
unter den Trümmern verschüttet, bis er 1689 wieder zum Vorschein kam, als das
Gelände in den neuen Festungsgürtel einbezogen wurde, den die Herzöge Rudolf August
und Anton Ulrich anlegen ließen. Die Gebeine wurden in den Blasiusdom überführt
und in der Krypta neben dem Grab der Brunonin Gertrud (I.) eingebettet. Bei dieser
Überführung wie auch bei gelegentlichen späteren Öffnungen des Sarges (zuletzt 1968
anläßlich der Renovation der Krypta) wurde man aufmerksam auf die noch deutlich erkennbaren
Einschlagstellen in der Schädeldecke, die auf die Schwerthiebe der Mörder
zurückzuführen sind.
Da Ekbert II. kinderlos verstarb, gingen die Brunonischen Besitzungen auf seine Schwester
Gertrud (II.) über, die mit dem Markgrafen Heinrich von Eilenburg, dem Nachfolger
Ekberts in Meißen, in dritter Ehe vermählt war. Durch die Heirat ihrer Tochter
Richenza mit dem Grafen Lothar von Süpplingenburg, dem späteren Kaiser Lothar III.
(1125-37), kam das Brunonische Erbe an diesen. Schließlich heiratete Lothars und
Richenzas Tochter Gertrud (III.) den Bayernherzog Heinrich den Stolzen aus dem Geschlechte
der Welfen, und der Sohn aus dieser Ehe, Heinrich der Löwe, vereinigte
dann als Herzog von Bayern und Sachsen die ererbten Güter mit seinen übrigen umfassenden
Ländereien. Von 1137 an waren damit die Welfen auch die Patronatsherren der
beiden Braunschweiger Kanonikerstifte.
Das Patrozinium des hl. Cyriacus
Die Kirche des Stiftes "uppe dem berch vor Brunswik" war ursprünglich zu Ehren des
Heiligen Kreuzes errichtet worden, und die beiden Märtyrer Cyriacus und Quirinus
wurden zu deren himmlischen Patronen erkoren, wahrscheinlich deshalb, weil man zur
Zeit der Stiftsgründung gerade Reliquien von ihnen beschaffen konnte. Von dieser
Möglichkeit hing ja im Mittelalter oft das Patrozinium einer Kirche ab. Aber eigentlich
hätte sie als Kreuz- und nicht als Cyriacuskirche in die Geschichte eingehen müssen
und das Kollegiatstift als Kreuzstift.
Und tatsächlich sprechen die ältesten erhaltenen Urkunden von der "Ecclesia sanctae crucis sanctique Cyriaci". Auch das älteste Siegel des Stiftes von 1220 zeigt im oberen Teil ein umrandetes griechisches Kreuz und darunter die Figur des hl. Cyriacus in Diakonstracht. (Des hl. Quirinus wird nicht gedacht.) Seit Mitte des 13. Jahrhunderts jedoch ist immer nur von der "Ecclesia sancti Cyriaci ante muros Brunsvicensis" oder vom "Decano et Capitulo montis sancti Cyriaci" die Rede. Die Titulierung einer hiesigen Kirche nach dem Heiligen Kreuz war inzwischen auf das 1230 von Balduin von Campe gestiftete Nonnenkloster auf dem Rennelberge übergegangen. Auch mag dem Volke die Bezeichnung der Stiftskirche nach dem hl. Cyriacus als einem der vierzehn Nothelfer näher gelegen haben, sind doch fast sämtliche Braunschweiger Kirchen und Kapellen des Mittelalters entweder nach Aposteln oder nach Nothelfern benannt. (St. Blasius, St. Ägidius, St. Katharina, St. Georg, St. Leonhard, St. Nikolaus) 11) |
gotischen Flügelalter (um 1500) |
Wer war nun eigentlich dieser hl. Cyriacus? Das "Lexikon für Theologie und Kirche"
muß zugeben, daß man von ihm kaum mehr als den Namen kennt. Weder sind die näheren
Umstände seine Martyriums noch sonstige Ereignisse aus seinem Leben historisch gesichert.
Die "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine (zwischen 1263 und 1273 niedergeschrieben)
bringt zwar eine ziemlich ausführliche Beschreibung seiner Wunder
und seines Martyriums, doch ist das alles legendär und geschichtlich unhaltbar. Man
weiß nur, daß er in der letzten großen Christenverfolgung unter Diokletian, und zwar
erst nach dessen Abdankung unter dem in Rom herrschenden Kaiser Maximian, etwa
309 den Märtyrertod erlitt und sein Grab sich an der Via Ostiensis befand, von wo seine
Gebeine mit denen mehrerer anderer Märtyrer im 9. oder 10. Jahrhundert in die
Kirche des heiligen Papstes Marcellus übertragen wurden» Mehrfach wurden dann Reliquien
dieser Märtyrer nach Deutschland gebracht, eine Armreliquie des hl, Cyriacus
unter Kaiser Otto I. (936-73) nach Bamberg, weitere sollen schon im 9. Jahrhundert
nach Neuhausen bei Worms gekommen sein. Woher die Braunschweiger Reliquien stammen,
ist völlig unbekannt. Die Erzählung aus der "Legenda aurea" über diesen Heiligen,
die wohl auf ältere Quellen zurückgeht, hat im Martyriologium romanum eine
verkürzte Fassung erhalten, die in der 2O Nocturn seines Festes am 8. August
als 4. Lesung erscheint: "Der Diakon Cyriacus war mit Sisinus, Largus und Smaragdus
längere Zeit in einem Kerker eingeschlossen und wirkte viele Wunder, wobei er
unter anderem auch Arthemia, die Tochter Diokletians, durch sein Gebet von einem
bösen Geist befreite; und zum persischen König Sapor geschickt, trieb er auch aus
dessen Tochter Jobias den verderblichen bösen Geist aus. Nachdem deren Vater, der
König, mit 430 anderen getauft worden war, kehrte der Heilige nach Rom zurück.
Dort wurde er auf Befehl des Kaisers Maximian gefangengenommen und in Ketten vor
seinem Wagen einhergezerrt. Nach 4 Tagen wurde er aus dem Kerker herausgeführt,
mit flüssigem Pech begossen, auf der Folterbank ausgespannt und schließlich zugleich
mit Largus und Smaragdus und anderen 20 an der Via Salaria erschlagen. Ihre Leiber
wurden an derselben Straße am 16. März vom Priester Johannes bestattet und
später am 8. August von Papst Mareellus und der vornehmen Frau Lucina in linnene
Hüllen eingehüllt, mit kostbaren Salben gesalbt und auf das Grundstück der genannten
Lucina auf dem Wege nach Ostia überführt".
Wegen der beiden Teufelsaustreibungen bei der Tochter Diokletians und der Tochter
des persischen Königs (beide historisch nicht nachweisbar) wurde Cyriacus unter die
Nothelfer eingereiht, und sein Kult verbreitete sich seit der Übertragung der Armreliquie
nach Bamberg über weite Gebiete des Deutschen Reiches.Man rief ihn an gegen
Besessenheit, böse Geister und gegen allerlei Versuchungen, in denen man ja direkte
Einflüsterungen des Satans sah. In manchen Gegenden flehte man ihn an bei Ausübung
des "Milchmirakels", eines abergläubischen Brauches, wodurch man den Kühen zu guten
Milcherträgen verhelfen wollte, weil nach einer weiteren, ausschmückenden Legende
bei der Enthauptung (?) des Heiligen aus seinem Halse Milch statt Blut geflossen
sein sollte. In den meisten Fällen dürfte man seine Hilfe wohl in Anspruch genommen
haben, wenn jemand Anzeichen von Wahnsinn zeigte oder von jener Krankheit befallen
wurde, die wir heute mit Schizophrenie bezeichnen. Ende des 14. Jahrhunderts
fertigte man dann für die Braunschweiger Stiftskirche jene silberne Cyriacusbüste als
Reliquienbehälter an, die heute ein besonders kostbares Schaustück in der Sammlung
mittelalterlicher Sakralkunst des Anton Ulrich Museums darstellt und im Knappensaal
der Burg Dankwarderode zu besichtigen ist.
Gewöhnlich wurde der Heilige als Diakon mit einem Palmzweig in der rechten Hand
(Siegeszeichen, Palma martyrum), einem Buch in der Linken und einem gefesselten
Teufel zu seinen Füßen dargestellt. (Die Deutung dieser Attribute erklärt sich aus der
Legende.) Auf den meisten erhaltenen Urkundensiegeln des Cyriacusstiftes ist er nur
mit Palmzweig und Buch, ohne Dämon, zu sehen. Der andere Schutzheilige, St. Quirinus,
war Bischof in Siscia (Sissek in Kroatien) und starb 309 den Märtyrertod in
Steinamanger, indem man ihn ertränkte. Seine Attribute sind daher ein Mühlstein und
ein Habicht; sein Fest wurde im Mittelalter am 4. Juni gefeiert, (im nachtridentinischen
Festkalender nicht mehr enthalten.) Im späteren Mittelalter tauchen noch eine
Reihe weiterer Schutzpatrone auf, von denen noch zu reden sein wird.
Aussehen und Einrichtung der Kirche auf dem Cyriacusberg
Obwohl wir außer der Abbildung auf dem Spitzerschen Holzschnitt keinerlei weitere
Anschauung von dem Gotteshaus besitzen, können wir uns doch aus Vergleichen mit
erhaltengebliebenen Kirchen derselben Bauperiode ein ungefähres Bild von seiner Beschaffenheit
machen, wobei uns eine ganze Reihe von schriftlichen Zeugnissen in Form
von Urkunden über Altar- und Memorienstiftungen zuhilfe kommt. Nach dem
überlieferten Bild handelt es sich um eine romanische Basilika mit zweitürmigem Westwerk, wie
wir sie ähnlich bei der Stiftskirche in Gandersheim, der Bursfelder Benediktinerkirche
oder dem Corveyer Westbau vorfinden. Auch die relativ guten bildlichen Darstellungen
des 1819 abgebrochenen Goslarer Domes zeigen vergleichbare Formen, ebenso
die Westansicht der Braunschweiger Martinikirche, nur muß man sich bei den meisten
dieser Kirchen die Türme bis oben durchgehend mit quadratischem Querschnitt
denken (wie Corvey) und nicht in den oberen Stockwerken ins Achteck umsetzend. Aus
schriftlichen Zeugnissen wissen wir von einem Kreuzgang, der aller Wahrscheinlichkeit
nach auf der Südseite der Stiftskirche lag wie beim Blasiusdom, bei St. Ägidien,
beim Franziskaner- oder beim Dominikanerkloster am Bohlweg bzw. Hintern Brüdern.
Daß auch eine Marienkapelle dem Kreuzgang angegliedert war wie in Königslutter, im
Hildesheimer Kreuzstift und in zahlreichen weiteren Klöstern, wissen wir aus einer
entsprechenden Urkunde von 1312.
Über die Ausstattung der Kirche im Inneren mit Altären sind wir ziemlich gut unterrichtet.
Der Hochaltar am Ostende des Chores dürfte wohl nach der Absicht der Stifter
dem Heiligen Kreuz und den Hauptpatronen Cyriacus und Quirinus geweiht gewesen
sein. Vielleicht war eine Kreuzpartikel (aus Hildesheim?) und die bereits erwähnten
Reliquien der beiden Märtyrer im Altarstein deponiert oder in Reliquienbehältern
darauf gestellt. Am Westausgang des Chores an der Außenseite des Lettners stand,
wie bei allen Dom- und Klosterkirchen des Mittelalters, der Kreuzaltar für die Laiengottesdienste.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war über ihm ein mehrfach bezeugtes
kostbares Bild der Gottesmutter aufgehängt "in der Art, wie St. Lucas es einst gemalt
hatte". Zu beiden Seiten der Hl. Maria waren Cyriacus und Quirinus abgebildet,
und außerdem befanden sich im Rahmen des Bildes verschiedene Reliquien. Ein Priester
des Stiftes hatte das kostbare Stück aus dem Heiligen Lande mitgebracht, der
päpstliche Legat Raimund Peraudi hatte es 1502 persönlich geweiht, und die Verehrung
des Bildes war von ihm mit einem Ablaß von 100 Tagen begabt worden. Seit 1308
stand "in der Mitte des Chores" ein Marienaltar, der von einem Mitglied des Welfenhauses
gestiftet und vom Bürger Hermann von Ursleve dotiert worden war. Es war
dies ein Altartisch aus kostbarem Material (Marmor, Bronze oder Silber mit Einlagen
von Bergkristall) ähnlich dem, der von Heinrichs des Löwen Gattin Mathilde 1188 für
den Blasiusdom gestiftet worden war 12) oder dem Crodoaltar im Goslarer Dom. Nur
als Tisch, ohne Altaraufsatz, standen diese Marienaltäre 4 bis 5 m vor dem Hochaltar
etwa dort, wo das Chorgestühl begann.
Zu den ältesten Altären solcher Stiftskirchen gehörten auch immer ein Marien- und ein
Johannesaltar im westlichsten Teil des Hauses "unter den Türmen" (sub turri). In der
Cyriacuskirche stand der Altar des Lieblingsjüngers Johannes unter dem Südturm, der
Marienaltar unter dem Nordturm, entsprechend der Gruppierung beider unter dem
Kreuz (vom Hochaltar her gesehen). Ein weiterer Marienaltar stand ebenfalls im
westlichen Teil der Kirche, vielleicht in einer Sonderkapelle. Von den letzten 3 Altären
kennt man das Entstehungsjahr nicht genau, jedenfalls aber liegt es vor 1200. Dann
gab es einen Petrusaltar "vor der Tür zum Kreuzgang", der 1298 von einem Priester
Johannes aus der Altenwiek dotiert worden ist.
Die übrigen 14 Altäre entstammen sämtlich dem 14. und 15. Jahrhundert und waren teils
von Kanonikern, teils von Braunschweiger Bürgern gestiftet worden. Ob diese Seitenaltäre
an den Pfeilern des Langhauses oder in ausgebauten Seitenkapellen aufgestellt
waren, wie wir es von Gandersheim, vom Hildesheimer Dom und unzähligen anderen
Kirchen her kennen, ist eine nicht leicht zu entscheidende Frage. Die größere Wahrscheinlichkeit
spricht für eine Aufstellung in Kapellen, die man nach Durchbrechung
der romanischen Seitenschiffwände als gotische Anbauten errichtete. Wenn man im
Goslarer und Braunschweiger Dom, den benachbarten Kollegiatstiften, so verfuhr,
weshalb sollte man nicht auch bei St. Cyriacus zur selben Lösung gegriffen haben, zumal
vom Matthäus- und vom Quirinusaltar in Urkunden die Aufstellung "in capella" beiläufig
bezeugt ist? Eine Stütze erfährt diese Vermutung vor allem dadurch, daß 1287
und in den Jahren danach eine Reihe von Ablaßbewilligungen seitens verschiedener Bischöfe
erfolgte, die ausdrücklich für die Erhaltung und den Ausbau der Stiftskirche
bestimmt waren (ad reparationes et structuras continuas) 13). Solche Ablässe waren
damals die wichtigsten Finanzierungsquellen für Kirchenneubauten oder -erweiterungen.
Wer im Mittelalter das Bußsakrament empfangen wollte, mußte bereit sein, als Sühne
für seine Sünden umfangreiche Fastenübungen, Wallfahrten und sonstige schwere Bußwerke
auf sich zu nehmen. Wollte oder konnte er das nicht, blieb ihm nur die Möglichkeit,
durch Gewinnung von Ablässen diese ihm pflichtgemäß vom Beichtvater auferlegten
Bußen zu kompensieren, indem er durch Geldopfer für einen von der Kirche vorgeschriebenen
Zweck (Kreuzzugsunternehmen, Kirchenbau, Spitaleinrichtung) oder durch
Mitarbeit in Form von Handlangerdiensten bei einem solchen Bau seine Sühne ableistete.
Gerade zu Beginn der gotischen Bauperiode um die Mitte des 13. Jahrhunderts bemühten
sich deshalb die Kloster und Stiftskapitel wie die Rektoren der städtischen Pfarrkirchen
eifrig um solche Ablaßgewährungen, sei es beim eigenen Diözesanbischof, sei
es bei auswärtigen Oberhirten. Auch durchreisende Bischöfe wurden gern um solche
Ablaßbewilligungen angegangen. 14) Und da so ziemlich jeder Sünder diese Einrichtung
der Kirche zur Ablösung der vorgeschriebenen Bußstrafen in Anspruch nahm, mögen
für solche Bauvorhaben beträchtliche Summen zusammengekommen sein.
Durch die Anlage von "Kapellenkränzen" an die alten romanischen Bauten gewann man
im Zeitalter der Gotik den dringend benötigten Platz für Seitenaltäre, die von begüterten
Leuten, d. h. reichen Bürgern oder Angehörigen des Landadels, gelegentlich auch
von Stiftsgeistlichen, errichtet und dotiert wurden. Die Motive für diese Altarstiftungen
waren letzten Endes genau die gleichen wie bei den Klostergründungen der Grafen und
Fürsten: die Sorge um das ewige Heil. Indem der Stifter nicht nur Aufbau und
Ausstattung des Altars (Altarstein, gotischer Flügelschrein, Kreuz, Leuchter, u. U. auch
Kelch und Meßbuch) aus eigenen Kosten bestritt, sondern diesen Altar auch dotierte,
d. h. einen Vermögenswert in Form von mehreren Hufen Landbesitz oder einem bei
einer geistlichen Behörde hinterlegten Kapital bereitstellte, um von dessen Erträgen
bzw. Zinsen einen "Meßpriester" zu besolden, der die immerwährenden Memorien (Vigilien
und Seelenmessen) für des Stifters Seelenheil las, reihte man sich in den mächtigen
Gebetsstrom ein, der täglich zum Himmel emporstieg. Die Wahrnehmung dieser
geistlichen Obliegenheiten ruhte auf den Stiftsvikaren oder auf eigens vom Stiftskapitel
hierfür angestellten "Commendisten". Mitunter teilten sich auch mehrere Bürgerfamilien
in die Unterhaltung eines Seitenaltars und seines Priesters, und sowohl in
den Stiften und Klöstern wie in den städtischen Pfarrkirchen wuchs die Zahl der Altäre
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer weiter an. In der Cyriacuskirche wissen wir
von folgenden Altarstiftungen:
Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß der bereits erwähnte Petrusaltar mit einer Rente
von 2 Talenten und einer Kurie auf der Südseite des Cyriacusberges dotiert war, wozu
später (15. Jahrh.) noch 3,5 Hufen in Thiede hinzukamen. Der Marienaltar in der
Kreuzgangskapelle war von seinem Stifter Johannes von Alfeld 1312 mit 4 Hufen in Gr.Biewende
und einem Hof im Oderwald ausgestattet worden, und zum Marienaltar " in
medio Chori" gehörten 4 Hufen in Veitheim.
Von den liturgischen Geräten der Kirche sind außer der Cyriacusbüste noch mehrere
Reliquiare erhalten, die vermutlich bei der Zerstörung 1545 von geflüchteten Stiftsanhörigen
gerettet und später, als der protestantisch gewordene Teil des Kapitels im
Blasiusstift ein Unterkommen gefunden hatte, dem dortigen Domschatz einverleibt wurden.
Dieser Domschatz, seit dem 19. Jahrhundert unter dem Namen "Welfenschatz "
bekannt, und heute (sehr reduziert) im Berlin-Charlottenburger Museum aufgestellt,
enthielt zur Zeit seines Vollbestandes etwa 20 Stücke, die mit großer Wahrscheinlichkeit
dem Kirchenschatz des Cyriacusstiftes zuzurechnen sein dürften 15). Das von drei
Löwen getragene 34 cm hohe Standkreuz mit den beiden Symbolfiguren der Ecclesia
und der Synagoga könnte durchaus jenes Kreuz sein, das auf dem Kreuzaltar postiert
und an Festtagen von 14 Lichtern umstrahlt war, wie verschiedene Urkunden berichten.
Es enthält neben anderen Reliquien eine Kreuzpartikel unter Kristallglas wie das
Hildesheimer Bernwardskreuz. Dann sind 3 Armreliquiare mit großer Wahrscheinlichkeit
dem Kultgerät des Stiftes zugehörig: ein silberner Arm mit den Brustbildern Jesu
und der 12 Apostel, der um 1175 in Hildesheim angefertigt sein soll, sowie 2 hölzerne,
teils vergoldete, teils bemalte Arme mit Reliquien der hl. Maria Magdalena und einem
Armknochen eines der "10000 Krieger" der Thebaischen Legion, die im Jahre 300
im Kanton Wallis (Schweiz) den Märtyrertod erlitten haben sollen. Aus schriftlichen
Berichten wissen wir ferner von einer Lichterkrone im Hochchor und verschiedenen
Ampeln vor einzelnen Altären, für deren Versorgung mit Öl besondere Vermächtnisse
von Stiftsgeistlichen bestanden. Daß eine Orgel vorhanden war, geht aus Abrechnungen
für Organisten und Bälgetreter seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hervor.
Außer den beiden Stiftspatronen St. Cyricus und St. Quirinus wurden im späten Mittelalter
noch die beiden Märtyrerbrüder Johannes und Paulus (320 unter Kaiser Julian
Apostata enthauptet) als Kirchenpatrone verehrt, sowie die hl. Helena und der hl.
Hermes, wie aus Ablaßbriefen von 1451 bis 1509 hervorgeht. Am Johannes- und Paulustage,
dem 26. Juni, wurde seit dem 12. Jahrhundert nachweislich das Kirchweihfest gefeiert.
Güterbesitz, Renten- und Zinseinnahmen
Dom- und Kollegiatstifte zählten neben einigen reichen Klöstern im Mittelalter zu den
größten Grundbesitzern, und unter den geistlichen Grundherrschaften Ostfalens rangierten
die beiden Braunschweiger Stifte hinsichtlich des Umfanges ihrer Ländereien
nach dem Ludgerikloster in Helmstdt und dem Goslarer Domstift gleich an dritter und
vierter Stelle. 14) In dem ältesten erhaltenen Güterverzeichnis des Cyriacusstiftes,
das zwischen 1219 und 1225 zusammengestellt und von Heinrichs des Löwen Sohn, dem
Pfalzgrafen bei Rhein und Herzog von Sachsen Heinrich,bestätigt wurde, werden 220
Hufen in 85 Orten als Kapitelsgut aufgezählt, wobei man die Hufe im damaligen Braunschweiger
Gebiet mit 28 - 32 Morgen veranschlagen muß. Aus diesem Besitz flössen
dem Stifte außer jährlich rund 500 Solidi (1 Solidus = 1/20 Pfund Silber) mehr als 100
Scheffel Getreide zu (1 Scheffel = 4 Ztr.), ferner aus über 20 Orten Naturallieferungen
an Honig oder Zahlungen von "Huneckpennighen" (Honigpfennigen) , Fleischzehnten
und sonstige Naturalien. Dazu kamen noch weitere 120 Hufen Propsteigut, 9
Hufen, die zur Dechanei gehörten und 8 Hufen, aus denen der Kustos oder Thesaurar
seine Einkünfte zog. Mindestens 100 Hufen davon lagen im Darlingau, dem Raum der
alten brunonischen Hausgüter und gehörten somit zur ersten Grundausstattung des
Stiftes durch die beiden Markgrafen Ekbert. Weitere Erwerbungen im Laufe der folgenden
Jahrhunderte, insbesondere die erwähnte Dotierung von Seitenaltären durch
verschiedene Ritter und Bürger,rundeten den stiftischen Landbesitz ab, so daß dieser
am Ende des Mittelalters 540 Hufen betrug, was einem Areal von 3700 bis 4000 ha
entspricht, das auf über 100 Orte verteilt war. Natürlich war dieser Besitz mannigfachen
Veränderungen und Korrekturen unterworfen. In Kriegs- und Notzeiten wurde
manches Stück veräußert, in Zeiten des Wohlstandes wiederum soundsoviel Hufen hinzuerworben.
Auch kamen des öfteren Tauschaktionen zwischen geistlichen und weltlichen
Grundeigentümern vor, wenn es galt, Arrondierungen (Abrundungen) vorzunehmen
und ein unbequem weit vom Stift abliegendes Stück Land gegen ein günstiger
gelegenes einzutauschen. Ein interessantes Beispiel bietet in diesem Zusammenhang die
Erwerbung des Dorfes Benstorf (Bennestorp) im Landkreis Hameln-Pyrmont durch das
Cyriacusstift. Durch Hergabe eines Darlehens an den Ritter Balduin von Campe erhielt
das Stift als Pfand das Verfügungsrecht über sämtliche Hufen und Höfe des
Dorfes samt dem Patronatsrecht über die dortige Kirche. Weil der Ritter das Geld nicht
zurückzahlen konnte, sondern im Gegenteil auch noch auf das ihm zustehende Vogteirecht
verzichtete und dieses in die Hände des Herzogs resignierte, übertrug dieser
1226 auch das an sich weltliche Recht der Advokatie auf das Stift, das dann seinerseits
die Vogteirechte wahrnahm. Da jedoch die geistlichen Herren die ihnen verliehene
Schutzherrschaft nicht faktisch auszuüben vermochten, war das Kapitel schon 6
Jahre nach dieser vogteilichen Verselbständigung genötigt, zur Abwehr räuberischer
Überfälle das Dorf mit allen Einwohnern unter den Schutz des Grafen Hermann von
Wohldenberg zu stellen, der jedoch verpflichtet wurde, sich keinerlei Sonderrechte
über das Stiftsgut von 34 Hufen anzumaßen und bei der Ausübung der Vogteigerichtsbarkeit
als Beisitzer den Vicedominus des Stiftes, einen Kanonikus, neben sich zu
dulden. Dieser war dann auch berechtigt, die Gerichtsgefälle zugunsten des Stiftes
einzuziehen, während der Graf selbst in Form von bestimmten Frondiensten der Bauern
entschädigt wurde. Doch bereits um 1235 vertauschte das Stift diesen fast nur
Sorgen bereitenden, allzu entfernten Besitz gegen näher gelegene Grundstücke. 80
Jahre später erwarb das Kapitel von den Herzögen Albrecht und Otto von Braunschweig-Lüneburg
für 220 Mark Vogtei und Gericht über das nahegelegene Vallstedt,
wo das Stift einen Hof und 23,5 Hufen seit längerer Zeit besaß (1317).
Daß die geistlichen Grundherren, die ja ein Kollegium waren, es nicht immer leicht
hatten, sich gegen mancherlei Übergriffe einer raublustigen, gewalttätigen Ritterschaft
zu behaupten, geht aus einer Reihe von päpstlichen Urkunden hervor, worin
verschiedene Bischöfe und benachbarte Äbte beauftragt werden, dem Cyriacusstift
bei der Verteidigung seiner Rechte beizustehen und mit geistlichen Strafen wie Bann
und Interdikt gegen die Übeltäter einzuschreiten.
Im einzelnen verteilte sich der Grundbesitz des Stiftes auf folgende Orte (wobei die
heutige Kreiseinteilung zugrundegelegt wird):
a) Braunschweig und Umgebung
27 Gärten vor dem Michaelistor, 4 Hufen um den Cyriacusberg, die Mühle bei Eisenbüttel
und eine zugehörige Hufe (an der heutigen Eisenbütteler Straße gelegen)
sowie das Gebiet um die ehemalige Brunonenburg Hogeworth. In folgenden Dörfern
verfügte das Stift über 1 bis 5 Hufen: Brunsrode, Bettmar, GroßGleidingen, Beddingen,
Rüningen, Timmerlah, Rautheim, Veltheim a. d. O., Sickte, Wendeburg,
Wähle, Sonnenberg und Vallstedt, wo es 23,5 Hufen und die Vogtei besaß. Ferner
gab es noch in vier inzwischen wüst gewordenen Dörfern Besitzanteile von 1/2 Hufe
bis 3 1/2 Hufen: Honrode (bei Veltenhof), Münstedt (westlich von Braunschweig),
Rithausen (bei Stöckheim) und Tide (bei Harvesse).
b) Wolfenbüttler Kreis
Grundbesitz zwischen 1 bis 8 Hufen in: Ahlum, Apelnstedt, Atzum, Barnsdorf, Gr,Biewende,
Broistedt, Cramme, Fümmelse, Gilzum, Halchter, Hedeper, Heerte ,
Remlingen, Rocklum, Salzdahlum, Sambleben, Semmenstedt, Schöppenstedt, Timmern,
Uehrde, Volzum, Watzuni, Weferlingen, Wendessen und in den Wüstungen
Bistorf (bei Barnstorf), Bungenstedt (bei Halchter), Holtorf (bei Sambleben), Gr.-
Rode (im Elm, heute Revierförsterei), Sunthe (bei Watzum), Twelken (bei Schöppenstedt)
und Westerem (bei Atzum). Gewisse Bedeutung gewann seit 1430 das Dorf
Adersheim für das Stift. Das Kapitel hatte durch ein größeres Darlehen an die Familie
derer zu Salder den Burghof, 14 Hufen und 4 Kothöfe als Pfand erhalten. Für
1100 Gulden wurden weitere 3,5 Hufen von den Edlen von Dorstadt erworben, 1488
von den Rittern von Velstidde ein Meierhof mit 4 Hufen, eine Schäferei und ein weiterer
Kothof erpfändet. Infolge der Nichtzurückzahlung der Pfandsummen verblieb
dieser Adersheimer Besitz dem Stift bis zu dessen Auflösung.
c) Helmstedter Kreis und weiter östlich gelegene Gebiete
Hier schwankte der Stiftsbesitz zwischen 1/2 und 13 Hufen in folgenden Dörfern:
Alversdorf, Beierstedt, Groß- und Klein Büddenstedt, Jerxheim, Lelm, Runstedt,
Twieflingen, Watenstedt, Wobek und dem jetzt wüsten Ort Nienstedt (bei Ingeleben).
Im Kreis Haldensieben waren die ebenfalls nicht mehr bestehenden Dörfer Volkersdorf
und Twelven (bei Marienborn), im Kreis Oschersleben die Wüstung Neindorf
(bei Aspenstedt), im Kreis Halber Stadt die gleichfalls wüsten Ergstedt (bei Langenstein)
und Glüsingen (bei Vogelsdorf) mit jeweils 1 bis 5 Hufen im Areal vertreten.
d) Gifhorner Kreis
2 bis 7 Hufen in Ahnsen, Allersehl, Hattorf, Groß- und Klein Heiligendorf (hier 6
und 3 Hufen Dekaneigut), Hülperode und Wettmershagen.
e) Im Gebiet des heutigen Landkreises Peine besaß das Stift in Ilsede, Ölsburg, Soßmar
und Woltorf einige Hufen, im Kreis Hildesheim/Marienburg in Feldbergen, Garmissen
und Kemme, im Kreis Alfeld in Duingen.
f) Das vom Kapitelsgut gesondert gezählte Propsteigut war außer in etwa 10 bereits
genannten Orten verteilt in Adenstedt, Allum, Böckelse, Broitzem, Großburgwedel,
Eitzum, Equord, Gifhorn, Hehlingen, Hesekestorp, Ingeleben, Köchingen, Lehndorf,
Morse, Münstedt, Oberg, Seinstedt, Söllingen, Üfingen, Wendeburg und Wienhausen.
Bewirtschaftet wurden alle diese Äcker oder Wiesen von hörigen Bauern, die unter
"Latenrecht" standen. 17) Sie hatten bestimmte Abgaben an das Stift zu entrichten
und unterstanden in dieser Hinsicht dem Vicedominus oder Ridemeister, einem Kanonikus,
dem die Verwaltung des gesamten Stiftsgutes mit Ausnahme der propsteieigenen
Güter anvertraut war. Überwachung und Kontrolle der Zinsabgaben oblag den Kornschreibern
(Camerarii), der Zins selbst bestand in Getreide, Honig, Flachs, Federvieh
und Lämmern. In vielen Fällen war von den Bauern auch ein (meist mäßig bemessener)
Geldzins in Solidi, Denaren oder Pfennigen zu entrichten (1 Solidus =
12 Denare oder Pfennige). Gegen Ende des Mittelalters wurde das für die Bauern günstigere
Latenrecht durch das Meierrecht abgelöst, das in verschiedener Hinsicht dem
Grundherren größere Vorteile gewährte. 18)
Die Stiftsgeistlichkeit
An der Spitze eines Kollegiatstiftes stand stets ein Propst, der dem Prälatenstand
angehörte und der juristische Vertreter der Stiftsgemeinschaft nach außen hin war.
Er besaß die "potestas jurisdictionis" in Gesetzgebung, Rechtssprechung und Verwaltung,
sowie die "potestas magisterii" soweit sie Angelegenheiten des Stiftes betraf.
Ihm oblag die Investition der Dignitäre und Kanoniker, die Belehnung des Stiftsvogtes,
die Verhandlungen mit der römischen Kurie, mit Bischöfen, Äbten und anderen Prälaten
wie mit weltlichen Herren. Da er auch an Synoden und Landtagen teilzunehmen
hatte, sich daher oft auswärts befand, hatte er im Stift seinen ständigen Vertreter in
der Person des Succentors oder eines Vikars, der seine geistlichen Obliegenheiten
innerhalb des Stiftes wahrzunehmen hatte. Er hatte das Wohnrecht in der Propstei
und seine besonderen Einkünfte aus den Propsteigütern.
Eine selbständige Körperschaft bildete das aus 12 Kanonikern bestehende Stiftskapitel,
das nur in der ersten Zeit nach der Gründung der Braunschweiger Stifte dem
Propst unterstand, seit etwa 1190 jedoch eine relativ unabhängige Korporation bildete.
Ursprünglich glich das Leben der Kanoniker an Kathedralen und Stiftskirchen sehr
dem der Mönche, solange diese "Regularkleriker" nach der Regel des hl. Chrodegang
von Metz (+ 766) in klösterlicher Gemeinschaft lebten, d. h. mit gemeinsamen Mahlzeiten
im Refektorium und gemeinsamer Nachtruhe im Dormitorium. Wir finden daher
auch bei allen Dom- und Kollegiatstiften die um einen Klosterhof mit Kreuzgang gruppierten
Klausurgebäude. Doch bereits im 11. Jahrhundert übernahm man die Wohnweise
der Eremitenorden (z. B. Karthäuser) mit Einzelzellen entlang der Klostermauer,
die so recht zum kontemplativen, asketisch bestimmten Dasein geeignet waren. Aber
an die Stelle der schlichten Zellen traten bei den Kanonikerstiften bald aufwendigere
Gebäude, eben die Kanonikalkurien, worin der Inhaber sich selbst verpflegen, seinen
Studien obliegen und Besuche von Verwandten und Freunden empfangen durfte.
Wichtigtste Verpflichtung der Kanoniker war die Teilnahme am täglichen Chorgebet
(Mette, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Complet) und an der Konventsmesse.
Für diesen Chordienst erhielten sie die "Präsenzgelder", eine Zuteilung gewisser
Summen aus den Erträgen der Stiftsgüter 19) ,und jedem dieser Kleriker stand
selbstverständlich ein bestimmter Anteil an den Naturalien zu, die von dort geliefert
wurden. In den Braunschweiger Stiften, wie übrigens auch in anderen eigenkirchlichen
Instituten, konnte niemand Propst werden oder in eine Kanonikatsstelle einrücken, der
nicht ausdrücklich von den Patronatsinhabern "präsentiert" worden war. Die
Welfenherzöge legten größten Wert darauf, dieses Präsentationsrecht sich nicht schmälern
zu lassen, und als infolge der fortlaufenden Erbteilungen das Herzogshaus in mehrere
Linien zerfiel, als es eine Wolfenbütteler, eine Lüneburger, Celler, Grubenhagener,
Göttinger und Calenberger Linie gab, da mußte ein ausgeklügelter Verteilerschlüssel
ausgearbeitet werden, in welcher Reihenfolge diese oder jene Kanonikatsstelle von
den einzelnen Linien zu besetzen war.
Der Vorsitzende des Stiftskapitels war der Dekan, der aus der Reihe der Kanoniker
von diesen selbst gewählt wurde. Der Patron hatte auf diesen Wahlakt keinen unmittelbaren
Einfluß, und bestätigt wurde der Dekan vom zuständigen Bischof, was auf
seine vorwiegend geistliche Funktion hinweist. Er hatte die inneren Angelegenheiten
des Stiftes einschließlich der Gottesdienstordnung zu bestimmen und war für Ordnung
und Disziplin bei Kanonikern, Vikaren und den im Stift beschäftigten Laien (Handwerker
und Dienstpersonal) verantwortlich. Innerhalb des Stiftes war jeder ihm gegenüber
zum Gehorsam verpflichtet und seiner Gerichtsbarkeit unterstellt, und soweit
seine Anordnungen den Gottesdienst betrafen, hatte sich ihm sogar der Propst zu fügen.
Bei solchen Kirchen, über die das Cyriacusstift das Patronat auszuüben hatte,
wie bei der Braunschweiger St. Petrikirche, bei den Kirchen in Benstorf (hier nur
zeitweise / s, o. S. 24), Heiligendorf oder Vallstedt, stand ihm die Einführung und
Überwachung des Pfarrers zu. Wichtige Urkunden unterzeichnete er als zweitberechtigter
hinter dem Propst. Anordnungen, die vom Kapitel ausgingen, begannen mit den
Worten: "Dekan und Kapitel des Stiftes St. Cyriaci bestimmen, daß .... "
Nächst der herausgehobenen Stellung des Dekans gab es noch zwei weitere Dignitäre,
die vom Kapitel gewählt und stets mit Kanonikern besetzt werden mußten: der Kustos
oder Thesaurar und der Vizedominus oder Ridemeister. Ersterer war für das Vermögen
des Stiftes verantwortlich, das einmal aus den kostbaren liturgischen Geräten bestand,
die gepflegt, vervollkommnet und vermehrt werden wollten, dann aus den einlaufenden
Kapitalien für alle möglichen geistlichen Verrichtungen und nicht zuletzt aus
den Ablaßgeldern, die für die "fabrica" d. h. für die Bauhütte des Stiftes eingingen.
Wie schon der Name sagt, war der Thesaurar der Finanzverwalter, und die Zahlungsanweisungen,
die von ihm ausgingen, lauteten: "uthe unserer kerken Thesaurarie ampte ...." Für die bauliche
Instandhaltung und Verbesserung der Stiftsgebäude war ursprünglich
der Propst zuständig, doch seit dem 14. Jahrhundert übernahm das Kapitel
diese Aufgabe, vor allem seit der Zeit der Erweiterung der Kirche (s. o. S. 19 ). Die
Tätigkeit des Vizedominus bestand darin, die Ländereien, Höfe und Gehölze des Stiftes
zu inspizieren und evtl. zu vergeben oder einzuziehen, die Renten, Zinse, Zehnten
und Vogteigelder zu vereinnahmen und an die empfangsberechtigten Kanoniker die
Präsenzgelder und Naturalzuteilungen auszugeben, sowie die Vikare und sonstige aus
dem Ertrag der Ländereien zu entlohnende Leute zu bezahlen.
Die mittelalterlichen Kanoniker kann man nicht ohne weiteres mit dem heute geltenden
Bild eines solchen Kirchenmannes identifizieren. Man muß berücksichtigen, daß diese
Stellen vornehmlich als Versorgungseinrichtung für Ritter- und Ministerialensöhne
dienten, wenn dies auch nicht im Sinn des ursprünglichen Zweckes solcher Klerikervereinigungen
lag. Oft fielen die Kanonikate dank der manchmal sehr persönlichen Entscheidung
der Patrone und so mancher Hofintrigen sehr jungen Leuten zu, die noch
die Stiftsschule besuchten und auf die der "rector scolarum" laut seiner Dienstanweisung
besonders acht zu haben hatte. Auch erstrebten durchaus nicht alle Kanoniker den
Stand des geweihten Priesters. Den meisten genügte die Subdiakonatsweihe, um als
Angehörige des Klerikerstandes in den Genuß einer Pfründe zu kommen und an den gesellschaftlichen
Vorteilen zu partizipieren, die ihnen das geistliche Recht gewährte. 20)
Hatten sie die Subdiakonatsweihe empfangen, durften sie am Chordienst teilnehmen
und die für sie vorausbestimmte Kurie beziehen. Falls Sie Lust hatten zu studieren,
erhielten sie laut Stiftssatzung einen dreijährigen Urlaub, während dem sie im vollen
Genuß ihrer Präbende blieben. Nur falls sie diese dreijährige Frist ohne Erlaubnis
des Dechanten wesentlich überschritten, wurde ihnen ein Teil ihrer Einnahmen entzogen.
Dasselbe geschah, wenn ein Kanonikus gleichzeitig an mehreren Stiften ein Kanonikat
bekleidete, was besonders im späten Mittelalter sehr häufig vorkam. Dann entfielen
für ihn die Präsenzgelder dort, wo er nicht anwesend war, doch alle übrigen
Einnahmen mußten ihm in barer Münze oder über Verrechnungsstellen überwiesen werden. (So
nur ist die berüchtigte "Pfründenjägerei" mancher Kleriker zu verstehen.)
Diese geistlichen Herren übernahmen im Dienste ihres fürstlichen Patrons mannigfache
politische Aufgaben als Kanzler, Notare, Hofkapläne, auch als Ärzte oder Pädagogen,
oder sie beteiligten sich als Vermittler, Unterhändler oder als Juristen an den Streitfällen
ihrer adligen Verwandten, denn 80% - 90% von ihnen gehörten dem Landadel
an, und relativ selten gelangte ein Bürgerlicher in den Genuß einer Kanonikerpfründe.
Den Nichtadligen blieben die Stellen der Vikare und Commendisten vorbehalten.
Die Vikare, die zumeist vom Stiftskapitel, zum Teil aber auch vom Herzogshause direkt
berufen wurden, hatten zweierlei Verpflichtungen: einmal mußten sie die Kapitulare
beim Chordienst vertreten, wenn diese verhindert waren. Vor allem aber hatten
sie als geweihte Priester die vielen Meßopfer darzubringen, die sich aus den mannigfachen
Stiftungen ergaben. Sie waren es im wesentlichen, die tagaus tagein die solennen
wie die ferialen Gottesdienste zu zelebrieren hatten und als Diakon und Subdiakon
am Altare dienten, wenn ein priesterlicher Kanonikus das Amt hielt. Als im späten
Mittelalter die Zahl der 12 - 16 Vikare nicht mehr zur Bewältigung der vielen Meßverpflichtungen
ausreichte, wurden aus der Stadt sogenannte "Commendisten" bestellt,
einfache, meist unstudierte Leute, die aber zu Priestern geweiht waren, um
die von vielen Stiften fundierten Messen an den dafür vorgesehenen Seitenaltären zu
lesen. Im Gegensatz zu den Vikaren hatten sie kein Wohnrecht im Stift und auch kein
festes Einkommen, sondern sie wurden von Fall zu Fall zum Messelesen in den Stift- sund
Pfarrkirchen herangezogen.
An Hochfesten, besonders am Fronleichnamstage und bei den großen Stadtprozessionen
mit dem kostbaren Sarg des Stadtpatrons St. Auktor, kam der gesamte Klerus
Braunschweigs zusammen und versammelte sich im Cyriacusstift, um von dort aus
die Prozession zu beginnen. Der Auktorschrein wurde vorher auf einem Prunkschiff
auf der Oker von St. Ägidien herübergebracht, begleitet vom Ägidienabt und dem ganzen
Konvent, vom Blasiusdom her kam die Dom-und Stadtgeistlichkeit mit ihren kostbaren
Reliquiaren, und nach einem festlichen Amt begann der feierliche Umgang außen
um die Stadtmauern herum, bis er nach 3 - 4 Stunden in der St. Ägidienkirche
oder im Blasiusdom endete. Solche mit viel Schaugepränge, mit Gesang und Musik
gegangenen religiösen Feiern waren im Mittelalter sehr beliebt. Die Frömmigkeit der
Bürger und Gemeinen erhielt kräftige Nahrung, man fühlte sich irgendwie geborgen
im Abglanz des Göttlichen, und von wem sollte man mehr Hilfe für die Stadt erwarten
als von ihren heiligen Schutzpatronen, den heiligen Aposteln und Nothelfern?
Zerstörung des Stiftes im Jahre 1545
Das alles nahm ein jähes Ende mit der Einführung der Reformation, die jedem Heiligenkult
und vor allem jeder Reliquienverehrung gründlich abhold war. Seelenmessen
und Prozessionen mit dem Sanctissimum oder mit Heiligenschreinen galten nun als
gotteslästerliche Dinge, und alle Prälaten und "Meßpfaffen", die nicht predigten, die
also die wichtigste Pflicht eines Geistlichen, die Verkündigung des göttlichen Wortes,
unterließen, wurden scheel angesehen. In der neuen Ordnung der von "Mißbräuchen"
gereinigten Religion war für solche Einrichtungen wie Klöster oder Kollegiatstifte
eigentlich kein religiös vertretbarer Wirkungsraum mehr vorhanden. (Daß die Landesfürsten
den Fortbestand der Stifte später trotzdem durchsetzten, steht auf einem anderen
Blatt und hat seine Gründe in rein politischem Kalkül der Territorialherren.)
Zunächst jedenfalls stand es um den Fortbestand der beiden Braunschweiger Stifte
nach 1528, als sich die Stadtväter für die Annahme des Luthertums entschieden und
Johannes Bugenhagen seine neue Kirchenordnung herausbrachte, denkbar schlecht.
Denn zu dem religiösen Gegensatz gesellte sich noch ein politischer, der zu erbitterten
Auseinandersetzungen zwischen der Standt und dem Landesfürsten, Herzog
Heinrich dem Jüngeren, führte. Wie nicht anders zu erwarten, hielten die Stiftsherren
sowohl von St. Blasius wie von St. Cyriacus zu ihrem Patron, von dem sie ja in vielfältiger
Hinsicht abhängig waren, und dieser blieb Zeit seines Lebens ein eifriger Verfechter
der alten Lehre, weniger aus frommer Gesinnung, als vielmehr aus politischen
Erwägungen, die ihn an die Seite Kaiser Karls V. banden. 1542 mußte Herzog Heinrich
d. J. vor seinen protestantischen Gegnern, dem Kurfürsten Johann Friedrich von
Sachsen und dem Landgrafen Phillipp von Hessen, außer Landes fliehen. Als er ein
Heer zur Wiedergewinnung seines Herzogtums sammelte und die Möglichkeit einer
Belagerung Braunschweigs durch den Herzog am Horizont auftauchte, erlaubten sich Rat
und Bürger der Stadt ein Exempel sinnloser Barbarei, wodurch das altehrwürdige
Stift "uppe dem berch" in brutalster Weise zerstört wurde.
Noch war der Herzog außerhalb der Landesgrenzen und die Aussicht auf eine Belagerung
noch lange nicht gegeben, da sandte der Rat der Stadt an einem Septembertage den
Marktmeister Diederich Krossen auf den Stiftsberg, er sollte von Haus zu Haus gehen
und verkünden, daß binnen kurzem die Türme der Kirche von der Stadtbefestigung aus
zusammengeschossen würden, damit der Herzog nicht auf ihnen einen Beobachtungsstand
beziehen und auf dem Stiftsberg grobes Geschütz aufstellen könnte, um die Stadt
von dorther zu beschießen. Kaum war der Bote zurück, da begannen auch schon die
Geschütze auf der Stadtmauer loszudonnern, trafen aber nicht die Türme, sondern das
Schlafhaus der Chorschüler und das Kornhaus. Dadurch aufs heftigste erschrocken,
sandten die Kanoniker zwei ihrer angesehensten Mitglieder gegen Abend auf die "Münzschmiede"
am Kohlmarkt, wo der Rat versammelt war. Sie ließen den ersten Bürgermeister
Cord von Damme herausbitten und stellten ihm vor, doch um Gotteswillen zu
verfügen, daß die Kirche verschont bleibe; sie hätten auch ihre sämtlichen Kleinodien,
Siegel und Briefe im Klausurgebäude und dürften diese ohne Erlaubnis ihrer Patrone
(der Herzöge) 21) weder erbrechen noch entfernen. Der Bürgermeister antwortete
ausweichend, er hönne für nichts garantieren und ließ sie stehen, indeß er in die Ratsstube
zurückging.
Am folgenden Morgen ließ der Rat dem Hauptmann Lüddeke Harmens den Befehl zugehen,
er möge mit seinen Dienern auf den Cyriacus-Berg reiten und alles niederbrennen.
Dieser aber weigerte sich mit der Begründung, er habe so oft mit guten Freunden aus
dem Stift dort zusammengesessen und in fröhlicher Runde die Becher kreisen lassen,
daß er es nicht übers Herz brächte, einen solchen Befehl auszuführen; lieber wolle
er seinen Dienst quittieren» Daraufhin schickte der Rat den Vogt Buschmann und den
bereits erwähnten Marktmeister Krossen mit einigen Knechten und mit "Feuer und Pulver"
hinaus, um das Zerstörungswerk zu beginnen. An der Kirche begegneten sie etlichen
Gottesdienstbesuchern, denen sie zuriefen: "Macht euch von hinnen, wir wollen
diesen Ort verbrennen!" Die Leute liefen eiligst zur Stadt hinüber, wo sich auf dem
Rondell neben dem Michaelistor schon die Herren des Rates versammelt hatten, um dem
zu erwartenden Feuer genüßlich zuzusehen. Plötzlich stürmten mehrere Bürger herbei
und baten flehentlich, den Brand nicht aufkommen zu lassen, denn durch den augenblicklichen
Südwestwind drohe die Gefahr, daß das Feuer auf die Stadt übergreife. Daraufhin
wurden Vogt und Marktmeister für diesmal zurückbeordert.
Doch die Zerstörung des Stiftes war nun einmal beschlossene Sache, und es fanden sich
am nächsten Tage auch genügend viele Helfer für dieses verantwortungslose Vorhaben.
Lange genug hatten ja die Prädikanten von den Kanzeln der Braunschweiger Stadtkirchen
gegen den "gruweliken Misbruk" 22) gewettert, der in den Kollegiatkirchen noch
immer betrieben werde, wo man der "papistischen Abgötterei" des Messelesens und
der "Anbetung von Knochen toter Menschen", wie man die Reliquien jetzt nannte, noch
immer nicht entsagt habe. Etwa 10Ö0 Personen, Gemeine aus der Stadt und Leute aus
den umliegenden Dörfern, zogen nach zuverlässigen Berichten mit Beilen und Spitzhacken
auf den Berg, wo sie alsbald mit dem Niederreißen der Häuser begannen. Die
wehrlosen Stiftsgeistlichen ergriffen die Flucht und suchten bei Verwandten und Freunden
weit außerhalb Zuflucht. Für die sachgerechte Zerstörung der Kirche sandte der
Rat eine Kolonne Maurer und Steinhauer hinaus, um das Turmhaus im unteren Stockwerk
auszuhauen und die Pfeiler des Langhauses so zu beschädigen, daß man mit Hilfe
einiger Pulverladungen den ganzen Bau zum Einsturz bringen konnte. Am 18. September
sank der stolze, 500 Jahre alte Sakralbau in Trümmer, und die Stadt war für alle
Zeit eines ihrer hervorragendsten Kulturdenkmäler beraubt. Daß der Pöpel allerei
unersetzliche Dokumente dabei vernichtete und den größten Teil der kirchlichen wie
der privaten Güter und Kleinodien wegschleppte, kümmerte in dieser Situation den Rat
wenig. Erst viel später, als die Gefühle des Hasses sich gelegt hatten, versuchte man
das eine oder andere Stück zurückzugewinnen und im (inzwischen protestantisch gewordenen)
Blasiusstift unterzubringen. Jene Kanoniker, die sich zum Protestantismus bekennen
wollten, hatten seit 1553 dort ein Unterkommen gefunden. Noch bildeten sie ein
selbständiges, später auf sechs Kanoniker reduziertes, eigenes Kapitel und durften ihre
Kapitelsitzungen in der Johanneskapelle des Domkreuzganges abhalten, wo sie auch
ihr Archiv einrichteten. Die Dignitäten des Propstes und des Dekans wurden weiterhin
von den Herzögen besetzt, meistens mit Hofbeamten, herzoglichen Räten und hin und
wieder mit Angehörigen des Welfenhauses, bis 1803 die endgültige Säkularisierung des
Stiftes erfolgte und der Güterbesitz desselben mit den Staatsdomänen vereinigt wurde.
Die Zerstörungstat von 1545 hatte für die Stadt freilich noch ein 130 Jahre währendes,
gerichtliches Nachspiel. Herzog Heinrich d. J. hatte nach Rückgewinnung seines Herzogtums
das Kapitel des Stiftes veranlaßt, sich klagend an Kaiser Karl V. zu wenden
und die Wiederherstellung der zerstörten Gebäude zu fordern, und dieser hatte mit Datum
vom 29. Oktober auch ein scharfes "Mandatum de restituendo" der Stadt zugehen
lassen, worin der restlose Wiederaufbau des Stiftes befohlen wurde.Doch wie die politischen
Verhältnisse damals lagen, bot die Stadt dem Befehle Trotz. Der kaiserliche
Kammerbote Christoph Finger wurde vom Rat geradezu genasführt, indem er von einigen
Ratsmitgliedern auf die Münzschmiede bestellt wurde, während der Rat in Wirklichkeit
im Neustadtrathaus tagte. Als er sich dorthin durchgefragt hatte, nahm man aus
seinen Händen das kaiserliche Mandat zwar zur Kenntnis, doch als er entsprechend
seinem Auftrag dieses Mandat an den Rathäusern und den öffentlichen Plätzen anzuschlagen
versuchte, wurde er vom Pöbel daran gehindert, beschimpft und bedroht, so
daß er schleunigst die Stadt verließ.
Beim Reichskammergericht in Speyer zog sich der Prozeß immer länger hin, und obwohl
die Stadt schließlich zu einer Schadenersatzzahlung von 20000 Gulden verurteilt
wurde, legte sie gegen dieses Urteil immer wieder Berufung ein und zahlte keinen
Pfennig. Wem hätte sie diese Summe auch zahlen sollen? Dem Herzogshaus als dem
einstigen Eigentümer? Mit diesem befand sie sich damals in einem dauernden Fehdezustand.
Außerdem verfügte der jeweilige Braunschweig-Wolfenbütteler Herzog sowieso
über die Stiftsgüter in der Form, daß er aus den Erträgen derselben Räte und Minister
honorierte, indem er ihnen Kanonikatsstellen zuwies. Am Wiederaufbau eines Kollegiatstiftes
im Sinne der brunonischen Gründer konnte obendrein weder das protestantische
Welfenhaus noch die Stadt Braunschweig ein ernstliches Interesse haben.
So wurde denn nach der Eroberung der Stadt durch die vereinigten Welfenherzöge im
Jahre 1671 im Zuge der nun folgenden Finanzregelungen zwischen Herzog Rudolf August
und der besiegten Stadt endlich 1676 der ganze Prozeß niedergeschlagen und das
Cyriacus Stift blieb ein mehr und mehr zusammensinkender und sich allmählich einebnender
Trümmerhaufe.
Linkes Bild: Siegel des Cyriacusstiftes an einer-Urkunde von 1316
Rechtes Bild: Nachzeichnung des Großen Siegels des Cyriacuskapitels von 1234
(Zeichnung 18. Jahrhundert)
Anmerkungen
1) In der 1492 in Mainz gedruckten "Chronecke der Sassen" des Braunschweiger
Bürgers Konrad Botho heißt es im Hinblick auf Ekbert II. : "So hadde syn vader,
de olde Eggebrecht, begunt to buwen eyne kerken, van stunt an starff he
unde wart darin begraven. Do kam de junge Eggebrecht unde buwede de kerken
vullen rede in de ere sunte Ciriacus, unde des hiligen crützes, unde het upp
dem bärge vor Brunswick". - Diese sicher aus sehr alten Quellen übernommene
Nachricht wurde aber von dem sogen. "Reimchronisten", der um 1290 schrieb,
in Zweifel gezogen, weil in den Memorienbüchern beider Braunschweiger Stifte
nur das Gedächtnis Ekberts II. im Juli ausgeführt war, und auf diesen Chronisten
gestützt, findet man bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder die (vermutlich
unrichtige) Behauptung, Ekbert II. sei der alleinige Gründer.
2) Ausführliche Begründung dieser Ansicht bei Ernst Döll, die Kollegiatstifte St.
Blasius und St. Cyriacus zu Braunschweig. Brschwg. 1967 als Band 16 der
"Braunschweiger Werkstücke" veröffentlicht.
3) Unter "Wik" verstand man im Mittelalter einen Handelsplatz, der an einem
schiffbaren Fluß gelegen war und einen mehr oder weniger großen Hafen aufwies,
so daß die Beförderung der Güter auf dem Wasserwege möglich war. Vergl.
Theodor Müller, Schiffahrt und Flößerei im Flußgebiet der Oker, Brschwg.
1968, Bd. 39 der "Braunschweiger Werkst."
4) So heißt es z. B. in der Fundationsurkunde Kaiser Lothars III. von 1134 über
die Gründung des Ägidienklosters durch Gertrud (II.) " .... qualiter Gertrudis
marchionissa, filia Ekberti marchionis, monasterium Deo et sanctae Dei
genetrici Mariae in loco Bruneswick aedificavit ..." Ähnliche Wendungen findet
man in zahlreichen anderen Gründungsurkunden.
5) Gestiftet wurde dieses nachmals sehr berühmte Kloster von Heinrich von Nordheim
(auch Heinrich der Fette genannt), dem zweiten Gemahl der erwähnten
Gertrud (II.), unter deren tatkräftiger Mitwirkung.
6) Diese Gerichtsbarkeit bezog sich jedoch nur auf die Leibeigenen und die hörigen
Bauern, nicht auf die Kleriker. Diese unterstanden der geistlichen Gerichtsbarkeit
des Bischofs bzw. des Archidiakons.
7) Gisela, Tochter des Herzog Hermann von Schwaben, war in 1. Ehe vermählt
mit dem Braunschweiger Grafen Bruno (Sohn aus dieser Ehe Liudolf), in 2. Ehe
mit Herzog Ernst I. von Schwaben, in 3. Ehe mit dem Salier Konrad, dem späteren
Kaiser (Sohn aus dieser Ehe Heinrich III.).
8) Widerad beanspruchte im Goslarer Dom als reichsfreier Abt den Ehrensitz
rechts neben dem Erzbischof von Mainz, der ihm von Hezilo als dem zuständigen
Diözesanbischof streitig gemacht wurde. Die im Chor ausgetragenen skandalösen
Auseinandersetzungen forderten mehrere Tote und Verwundete. Bischof
Hezilo belegte nach Beilegung des Streites die Fuldaer "Frevler" mit dem Kirchenbann.
9) So u. a. in der Neuen Deutschen Biographie Band 4, Seite 428.
10) In dieser Schlacht am 15. Okt. 1080 wurde Rudolf die rechte Hand abgehauen,
worauf er gesagt haben soll: "Dies ist die Hand, mit der ich meinem König
(Heinrich IV.) die Treue gelobt habe. " Am Tage darauf starb er an seinen
Verletzungen und ist im Merseburger Dom begraben.
11) Unter Nikolaikirche ist hier die alte Kirche dieses Namens unmittelbar am
Braunschweiger Wikhafen gemeint (heute steht das Haus C & A Brenninkmeyer
an der Stelle), nicht die 1712 erbaute katholische Nikolaikirche am Sandweg.
12) Es ist der heute vor dem Hochchor stehende Domaltar.
13) Diese Redewendung erscheint zuerst in einem Ablaßbrief, den 20 Bischöfe
ausstellten, die im Frühjahr 1287 zur Deutschen Synode in Würzburg versammelt waren.
14) Solche von fremden Bischöfen gewährten Ablässe bedurften aber, um gültig zu
sein, der ausdrücklichen Genehmigung des Diözesanbischofs.
15) Vergl. "Der Welfenschatz" von O. v. Falke, R. Schmidt und G. Swarzenski,
Frankfurt 1930.
16) Laut E. Döll, Kollegiatstifte (S. 233) besaß das Ludgerikloster 977 Hufen,
das Goslarer Domstift 860, das Blasiusstift 780, das Cyriacusstift 540, das
Hildesheimer Michaeliskloster 406, Kloster Ringelheim 306, Lamspringe 256 Hufen.
17) Das Latenrecht gewährte den Bauern für ihre ganze Familie ein gesichertes
Erbrecht, das ihnen auch im Falle einer Verpfändung durch den Grundherren
erhalten blieb. Der Late seinerseits blieb an die Scholle gebunden und durfte
vom Grundherren im Falle einer Flucht gewaltsam zurückgeholt werden. Die
Zinsleistung und die Naturalabgaben hielten sich in erträglichen Grenzen.
18) Das Meierrecht beruhte auf einer freien Vereinbarung zwischen dem Grundherren
und dem Meier, von beiden Seiten jederzeit kündbar und mit höheren
Abgaben an den Grundherren verbunden. Im späten Mittelalter setzten die Meier
allerdings auch das Erbrecht durch.
19) Das bedeutete natürlich auch, daß die Präsenzgelder bei unentschuldigtem
Fernbleiben vom Chordienst einbehalten werden konnten. Wiederholt ist in beiden
Braunschweiger Stiften von den Dechanten der Mißbrauch gerügt worden,
daß manche Kanoniker in ihrer Abwesenheit einfach eine Geldbüchse auf ihren
Platz stellten, um zu ihrem Geld zu kommen,
20) Das kanonische Recht bewahrte den Kleriker zunächst vor mancherlei entehrenden
Strafen des weltlichen Rechtes, schützte ihn in seiner gehobenen Stellung
innerhalb der Gesellschaft, indem jeder Laie, der einem Geistlichen irgendwelchen
Schaden zufügte, hohen kirchlichen Strafen verfiel. Auch konnte
er von niemandem gezwungen werden, sich in Krieg und Fehde mit der Waffe zu
verteidigen.
21) Die regierenden Herzöge aller Linien des Welfenhauses waren im 16 .Jahrhundert
am Patronat beteiligt, (vergl. Seite 29)
22) Über sakramentale Prozessionen schreibt Bugenhagen u. a. in seiner Kirchenordnung
von 1528; "Daruth werstu sehn den grüweliken misbruk disses sacramentes".
An zahlreichen weiteren Stellen ist ebenfalls im Hinblick auf katholische
Zeremonien von solchen "greulichen Mißbräuchen" die Rede.
Entstehung der St. Cyriakus-Gemeinde
Durch die fortschreitende Besiedlung der Braunschweiger Weststadt, entstand für die
zugezogenen Katholiken die Notwendigkeit der seelsorglichen Betreuung an einer zentralen
Stelle. Diese Gelegenheit bot sich Anfang der sechziger Jahre zunächst in den
Räumen des Caritas-Kindergartens an der Donaustraße, der bis zum November 1969
der schnell anwachsenden Gemeinde seine Räume für die Abhaltung der Gottesdienste
zur Verfügung stellte.
Die erste heilige Messe im Kindergarten wurde von Propst Frese 1964 gelesen. Die
Betreuung wurde sonst von der Pfarrgemeinde St. Joseph, zu deren Pfarrbezirk die
Weststadt auch heute noch gehört, durchgeführt.
Auf Anordnung des Bischofs von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, wurde mit Wirkung
vom 15. August 1967 die Weststadt ein eigener Seelsorgsbezirk. Mit dem Aufbau
und der Betreuung der Gemeinde wurde Pastor Alfred Merten betreut, der von Hannover
zu uns kam und dessen Wohnung sowie das Gemeindebüro sich im Lesumweg 6
befinden.
In Erinnerung an das in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Braunschweig gegründete
St. Cyriakus-Stift, wurde vom Bischof der heilige Cyriakus als Schutzpatron
dieser Gemeinde gewählt. Der heilige Cyriakus war römischer Diakon und wurde
im Jahre 309 ein Opfer der diokletianischen Christenverfolgung. Im Mittelalter wurde
er als einer der 14 Nothelfer verehrt, man rief ihn an gegen Besessenheit und Anfechtung
in der Todesstunde.
Mit der Einführung des neuen Seelsorgers begann der systematisch organisatorische
Aufbau der Gemeinde. Pastor Merten bemühte sich in mühevoller und ideenreicher
Kleinarbeit, möglichst viele Gemeindemitglieder zur Mitarbeit zu gewinnen. Dieser Tatsache
ist es zu verdanken, daß sich bald ein reges Gemeindeleben bildete, das die
weitgehendst untereinander unbekannten Gemeindemitglieder weiter zusammenführte.
Die Einleitung des Kirchbaues in Verbindung mit einem Gemeindezentrum war die vordringlichste
Aufgabe. Ein Grundstück an der Donaustraße, neben dem Caritas-Kindergarten,
wurde von der Diözese Hildesheim erworben, und Pastor Merten bat alle Gemeindemitglieder,
dem neu gegründeten Kirchbauverein beizutreten. Darüber hinaus
wurde eine ständige Kollekte für den Kirchbau eingerichtet, und Haussammlungen wurden
veranstaltet. Die von der Gemeinde aufzubringenden finanziellen Mittel umfassen
die gesamte Inneneinrichtung und anteilige Baukosten. Noch lange Zeit, über den Tag
der Einweihung hinaus, bleibt Kirchbaufinanzierung eine wichtige Aufgabe für die Gemeinde.
(Spenden können jederzeit auf das Kirchbaukonto, Commerzbank Braunschweig
5/165600/96 überwiesen werden.)
Ab Oktober 1967 erschien der Pfarrbrief als Informations- und Kontaktmittel für die
Gemeinde. Ein Helferkreis wurde gegründet, der die Verteilung der Pfarrbriefe in alle
katholischen Haushaltungen übernahm.
Auf Wunsch vieler Gemeindemitglieder, insbesondere der mittleren und jüngeren Altersgruppen,
entstanden Familienkreise, die sich die religiöse Wissensvermittlung sowie
den Meinungsaustausch und die Pflege der Geselligkeit zur Aufgabe gestellt haben.
Die meisten Familien treffen sich dazu abwechselnd in den Privatwohnungen.
Die Jugendarbeit wurde mit der Bildung von Jungen- und Mädchengruppen begonnen.
Ein Frauenkreis bildete sich ebenfalls und stellte sich Aufgaben im sozialen Bereich,
wie Kinderbetreuung an bestimmten Wochentagen, Veranstaltungen von Kursen verschiedenster
Art und nicht zuletzt religiöse Bildungsarbeit.
Auch an die älteren Gemeindemitglieder wurde bei der Bildung von Kreisen Gleichgesinnter
gedacht. Die Zusammenkünfte dieses Personenkreises in zwanglos geselliger
Form erfreuten sich bald großer Beliebtheit. Mehr als andere Gruppen sind ältere Menschen
in einer neuen Umgebung, wo es noch wenig zwischenmenschliche Beziehungen
gibt, von der Vereinsamung bedroht.
Am 10. Dezember 1967 wurde der erste Pfarrgemeinderat im Kindergarten Donaustraße
gewählt. In einer jungen Gemeinde, wo es keinen Vorstand, keinen Verein oder andere
Institutionen gibt, auf die sich der Pastor stützen kann, hängt viel von der Arbeit des
Pfarrgemeinderates ab. Die Mitgestaltung der Laien bei der Liturgie wurde von 1968 an
eingeführt.
Vom 1. Oktober 1969 an stellte sich Fräulein Johanna Schmidt als Seelsorgshelferin in
den Dienst der Gemeinde.
Schon lange waren durch das ständige Anwachsen der Gemeinde die Räumlichkeiten des
Caritas-Kindergartens, mit seiner für Kinder zugeschnittenen Bestuhlung, mehr als ein
Behelf. Der am 1. Dezember 1969 durchgeführte Umzug in die zwischenzeitlich frei gewordene
Notkirche der Ev. Gemeinde am Queckenberg brachte darum für eine Übergangszeit
gewisse Erleichterungen für die Gemeindearbeit. Die Baracke konnte nun von der
Gemeinde allein genutzt werden, sie blieb fast zweieinhalb Jahre Versammlungsraum
der Katholiken bis zum 10./11. Juni 1972, als das neue Gemeindezentrum seiner Bestimmung
übergeben werden konnte.
Auf Anordnung des Diözesanbauamtes wurden die Architekten Schneemann und Dipl. Ing.
Schniepp mit der Planung des Kirchbaues beauftragt. Nach Erteilung der Baugenehmigung
wurde im September 1970 mit den Bauarbeiten begonnen.Die feierliche Grundsteinlegung
wurde am 16. Oktober 1971 von Herrn Generalvikar Adalbert Sendker vorgenommen.
Am Tage der Einweihung des Gemeindezentrums, dem 11. Juni 1972, wurden über 1000
Besucher gezählt, die zur Besichtigung gekommen waren; dabei handelte es sich nicht
nur um Gemeindemitglieder, sondern auch mancher Weststadtbewohner oder Gast kam,
der die Größe der Anlage bewunderte.
| Die in den Grundstein eingelassene Urkunde |
Im Jahre des Herrn 1971, am 16. Oktober, wird dieser Grundstein gelegt. Die Kath. Kirche steht unter dem Pontifikate des Papstes Paul VI. zu Rom, der das zweite vatikanische Konzil beendet hat. Bischof Heinrich Maria Janssen leitet die Diözese Hildesheim. Domikapitular e. h. Propst Franz Frese ist Dechant des Dekanates Braunschweig. Pastor Alfred Merten wirkt als Seelsorger in dieser Gemeinde St Cyriakus, die aus der Muttergemeinde St Joseph, in der Pfarrer Friedrich Kreutzkamp amtiert, hervorgegangen ist Zur Zeit sind in der weltlichen Ordnung Dr. Gustav Heinemann Bundespräsident, Willy Brandt Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Alfred Kubel Ministerpräsident des Landes Niederrsachsen Bernhard Ließ Oberbürgermeister und Hans Günther Weber Oberstadtdirektor der Stadt Braunschweig, welche unter 235000 Einwohnern ca. 34000 Katholiken zählt. Generalvikar Adalbert Sendker legt den Grundstein zu dieser Kirche, die dem heiligen Cyriakus geweiht sein soll und deren Bau wir der Initiative unseres Bischofs Heinrich Maria Janssen verdanken. Mit dem Gotteshaus entstehen gleichzeitig ein Pfarrheim und Jugendräume, finanziert aus Mitteln der Diözese, des Bonifatiusvereins und aus Opfern der Gemeinde. Planende und ausführende Architekten sind Bernhard Schneeeemann und Dipl Ing Günther Schniepp in Braunschweig Der Seelsorgebezirk, für den die neue Kirche errichtet wird, zählt heute 2800 Gemeindemifgliedar darunter Polen, Ukrainer. Vertriebene der deutschen Ostgebiete und Gastarbeiter aus Italien und den Balkanländern Die Seelsorgearbeit begann 1946 nach Kriegsende in den Kasernen für Polen, die nicht wieder in ihre Heimat zurück konnten. Daneben feierte die Muttergemeinde Gottesdienste seit November 1964 im Caritasklndergarten. 1967 übernahm Pastor Merten die Leitung der Gemeinde, der seit 1969 eine Baracke als Notkirche dient. Der Seelsorgebezirk umfaßt die Weststadt, ein Neubaugebiet im Südwesten der Stadt Braunschweig zwischen Bahnlinie, Timmerlaher Busch, Madamenweg und Westtangente. Für die Zukunft rechnen wir mit 5500 Katholiken, Das neue Gotteshaus soll den aus allen Teilen Europas hier angesiedelten Menschen Geborgenheit schenken Hier mögen sich die Gemeindemitglieder untereinander im Glauben stärken durch gemeinsames Gebet und Bekenntnis zu Christus, ihrem Herrn, und zusammenwachsen zu einer dienenden und liebenden Ortskirche zu einem Zeichen für die Gemeinschaft mit Gott und für die Brüderlichkeit aller Menschen Braunschweig, den 16. Oktober 1971 |
| Die in den Grundstein eingelassene Urkunde |
Sinn und Zweck dieses Zentrums ist die Öffnung für alle Menschengruppen und Altersstufen,
gleich ob sie positiv oder negativ zum Christentum, oder abseits stehen. Diesem
Zweck dient die ganze Einrichtung mit ihrer Wandlungsmöglichkeit in große und kleine
Tagungsräume, Kücheneinrichtung, Jugendheim, Bastelraum und Mehrzweckraum. Für
wärmere Tage stehen auch Freiflächen zur Verfügung.
Im Gemeindebezirk der Weststadt, die z. Zt. etwa 3500 Seelen umfasst, gibt es auch
eine polnische Gemeinde, sie wird von Pfarrer Scholz betreut. Junge Menschen daraus
haben sich zu einer Folklore-Gruppe zusammen getan, die sehr zur Bereicherung des
Gemeindelebens beiträgt.
Als weitere Seelsorger, die ihren Wohnsitz im Bereich der Weststadtgemeinde bekamen,
ist der in Ruhestand befindliche Pfarrer Genge aus Bütow in Pommern zu nennen. Er
beging sein 60-jähriges Priester Jubiläum im Jannuar 1970. Trotz seines beträchtlichen
Alters (88 Jahre), hilft er noch gerne bei den Gottesdiensten aus.
Herr Pastor Leodegard Schmidt kam zu uns in die Weststadt als Krankenhausseelsorger
für das Dekanat Braunschweig. Darüber hinaus hilft er in der St. Josefsgemeinde aus.
Die oekumenische Arbeit wird in der Weststadt durch gute Beziehungen, Gespräche und
gemeinsame Gottesdienste mit der ev. Gemeinde gepflegt.
Der eigentliche Mittelpunkt unserer Gemeinde ist mit der Fertigstellung und Weihe unseres
Gotteshauses geschaffen. In Dankbarkeit können wir uns heute vor dem Allerheiligsten
verneigen, weil Gott dieses Werk durch unseren Glauben entstehen ließ. Unser Dank
gilt auch allen, die es ermöglichten und mithalfen, daß dieser Bau entstand.
Wolfgang Thomas
Einige Bemerkungen zum Innenraum der neuen Kirche
Bei einem Kirchenneubau erwartet man mit Recht, daß im äußeren und inneren Erscheinungsbild
etwas davon zum Ausdruck kommt, was eine Gemeinde heute unter Gottesdienst
versteht. Diese Erwartung haben nicht nur alle, die den Neubau innerhalb des
Wohngebietes, als Außenstehende mit mehr oder weniger kritischen Beobachtungen entstehen
sahen. Besonders die, welche selbst zur Kirche gehören, erwarten von diesem
Neubau Antworten auf die Fragen, die seit der Liturgie-Erneuerung bislang offen geblieben
sind. Schließlich bietet ein Neu-Bau die Chance, nun endlich einmal alles richtig
zu machen. Deshalb werden viele das neue Gotteshaus betreten und das Besondere
suchen, das Neue, das Endgültige.
Wenn es gilt, daß wir die Kirche sind, die unterwegs ist, dann müssen diese Erwartungen
korrigiert werden. Dann könnte das Besondere gerade darin liegen, daß es in
diesem Gotteshaus nicht viel Endgültiges gibt. Die Zeit, da man Kirchen baute, die für
Jahrhunderte bestimmt waren, ist vorbei. Vorbei ist wohl auch, daß wir alles mit großer
Sicherheit in Besitz nehmen. Nicht Unsicherheit wird hier verkündet, sondern Offenheit
- nicht nur Gewißheit, sondern Erwartung.
Dieses Haus soll einer Gemeinde zur Verfügung stehen, die in der schnellebigen Zeit
eine Raststätte sucht. Dies soll ein Haus zum Ausruhen sein, zur Sammlung und zur
Versammlung, um in der Gemeinschaft Gott zu suchen, ihn zu loben und ihm zu danken.
Zu diesem Sinn und Zweck ist dieses Haus gebaut und eingerichtet.
Zunächst einmal ist es ein Raum, in den man eintreten kann, wann immer man will. Außen
und Innen als Haus erfahrbar mit seinen vier Wänden und einem Dach, mit Fenstern,
die das Licht hineinlassen, und mit Sitzgelegenheiten, zum Ausruhen.
Auf einer erhöhten Plattform steht der Tischaltar, der in seiner Form die Grundform
des Hauses wieder aufnimmt. Alles ist auf diesen Tisch ausgerichtet. Hier geschieht
das Wesentliche: hier begegnet der Glaubende Gott im heiligen Opfer, im Mahl und im
verkündeten Wort. Das soll alles gut zu sehen sein für jeden Einzelnen der Gemeinde,
aber es soll nicht zur Schau gestellt werden wie auf einer Bühne. Diese Begegnung
findet inmitten der Gemeinde statt, die Gemeinde selbst wird zum Ort der Begegnung.
Es wird also an der Bereitschaft der Gemeinde liegen, offen dafür zu sein. Eine passive
Haltung reicht nicht aus. Dieses Gotteshaus ist zunächst einmal ein Angebot. Es
gibt sonst nichts zu sehen, nur das, was sich die Gemeinde zur Hilfe schafft, ihre Feier
über das menschliche Unvermögen hinauszuheben.
Das Zeichen des Kreuzes, das allen vor Augen steht, soll genau das verdeutlichen. Im
Erkennen und Annehmen unserer Endlichkeit werden wir hineingenommen in die unendliche
Liebe Gottes.
Die Horizontale ist in diesem Raum besonders betont. Das umlaufende Band, das den
Gemeinderaum von der Dachhaube trennt, das Fensterband darüber mit dem verzahnten
Motiv der farbigen Glasfelder, die breitgelagerte Betonwand hinter dem Altar, alles das
beschreibt die Horizontale, wie die ausgestreckten Arme des Kreuzes. Es ist die Bewegung
des Sammelns, des Verbindens; aber auch die Dimension des Endlichen, des
Diesseits. Die Vertikale, das Durchbrechen menschlichen Unvermögens muß gerade hier
ihren Platz haben. Das hohe Dach ist kein nutzloser Raum, wenn ich mich darunter geborgen
weiß und mich nicht bedrückt fühle. Wenn ich frei werde um den Kopf, damit ich
denken kann und danken.
Es wird also an der Gemeinde selbst liegen, diese Grundausstattung zu erweitern und
dem jeweiligen Gottesdienst anzupassen. Das soll sich an den Festen des Jahreskreises
orientieren oder am Thema des Tages. Das ist nicht mehr die Aufgabe eines Künstlers
sondern die der Gemeinde und der verantwortlichen Leitung.
Die Grundausstattung besteht aus dem Altar, dem beweglichen Verkündigungsplatz, dem
Tabernakel und dem großen Kreuz. Der Altar ist, wie der Fußbodenbelag, aus Kattenfels-Marmor.
Dieser Stein kommt aus Warstein im Sauerland. Dort wurde der Altar
und auch die Tabernakelstelle gearbeitet.
Der Tabernakel und das Verkündigungspult sind mit Reliefplatten geschmückt. Es ist
eine handwerkliche Arbeit, bei der Buntmetalle im Schweiß-Schmelzverfahren bearbeitet
und montiert sind.
Das Kreuz ist eine Arbeit des Bildhauers Josef Krautwald aus Rheine/Westf. Die farbigen
Fenster sind im unteren Kirchenraum in Beton-Dickglas ausgeführt. Die Oberlichtfenster
wurden zum Teil farbig verglast. Hier sind edle Echtantikgläser, in Blei gefaßt, eingesetzt.
Im Seitenraum ist in eine Bruchsteinwand aus Elmkalkstein eine Vitrine eingebaut. Darin
befindet sich eine Nachbildung der Ikone der Madonna von Tschenstochau.
Die Konzeption und Entwürfe für diese Gesamtausstattung sind von
Claus Kilian, Braunschweig
St. Cyriakus aus der Sicht der Architekten
1. Städtebauliche Situation
Die Kirchenanlage, die in der neuen Weststadt für ca. 5000 katholische Gemeindemitglieder
gebaut wurde, liegt an städtebaulich bevorzugter Stelle an der Donaustraße, direkt gegenüber der
Einmündung der Lechstraße. Jedem Besucher und Bewohner der Weststadt fällt das Kirchendach durch
diese Lage schon von weitem auf, sowohl wenn er von der Broitzemer Staße aus die Donaustraße betritt,
als auch wenn man aus der Lechstraße kommend in Richtung Stadtmitte geht oder fährt.
2. Die Gebäude
Die Kirchenanlage besteht aus der Kirche, dem Gemeinde- und Jugendheim und dem Pfarrhaus.
Bestimmend für den äußeren Eindruck ist die Kirche, welche sich als ruhiger Flachbaukörper
aus dunklem Verblendstein zeigt, auf dem, durch umlaufende Fensterbänder getrennt, das mit schwarzem
Eternit-Schiefer gedeckte Dach aufgesetzt ist.
Das eingeschossige Gemeinde- und Jugendheim zeigt den gleichen Klinker an den Endscheiben,
die übrigen Fassadenflächen des Flachdachgebäudes sind geputzt oder aus gestrichenem Beton.
Das 2-geschossige Pfarrhaus wird geputzt.
Weiße Blenden aus Eternit geben einen reizvollen Kontrast zu den dunklen Verblend- und Dachflächen.
3. Nutzung und Ausstattung
Die Kirche ist als quadratischer Raum mit seitlich angeschlossener Marienkapelle, Beichtraum
und Sakristei entworfen. 4 Beton-Halbbinder tragen das Dach des Kirchenraumes, welches als
Zelt, in dem die Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt, gestaltet ist. Die seitlichen
Anbauten sind flach gedeckt. 280 Sitzplätze sind durch feste Bestuhlung geschaffen worden,
loses Gestühl kann zusätzlich rechts und links von der Altarinsel aufgestellt werden.
In der Marienkapelle sind 30 Sitzplätze (feste Bestuhlung) vorhanden. Die durch farbige
Betonglasflächen unterbrochenen Wände sind 3-seitig in Sichtbeton mit Schalungsstruktur,
an der Seite zur Sakristei mit einer Holzverbretterung ausgeführt. Das Zeltdach ist ebenfalls
mit Naturholz verbrettert.
Das Jugendheim enthält außer dem durch eine Faltwand teilbaren Saal Gruppenräume für die
unterschiedlichen Bedürfnisse wie Lesen, Plaudern, Skatspielen im Erdgeschoß und Basteln,
Musizieren, Tischtennisspielen u, ä. im Untergeschoß. Eine Teeküche und weitere Nebenräume
ergänzen das Raumangebot.
Das Pfarrhaus, welches als 2. Bauabschnitt im Rohbau fertiggestellt wurde,
nimmt die Wohnungen für den Pfarrer, seine Haushälterin und die
Pfarrhelferin auf. Auch die Büroräume sind im Pfarrhaus vorgesehen.
4. Bauablauf
Im Herbst 1969 wurde mit der Planung begonnenen, im April 1970 war sie abgeschlossen.
Nach Zustimmung durch das Bischöfliche Generalvikariat und Sicherstellung der Finanzierung
für Kirche und Jugendheim (die Finanzierung des Pfarrhauses wurde als 2.
Bauabschnitt in Aussicht gestellt) konnte im September 1970 der Bauantrag eingereicht
werden.
Er wurde am 4. 11. 1970 genehmigt. Mit den Bauarbeiten wurde am 26. 4. 1971 begonnen.
Am 16. 10. 71 wurde feierlich der Grundstein gelegt. Das Jugendheim konnte der
Gemeinde schon am 10. 6. 1972 zur Benutzung übergeben werden. Heute ist nun der
Zeitpunkt für die Weihe der Kirche gekommen.
Das im Herbst 1972 als 2. Bauabschnitt begonnene Pfarrhaus wird voraussichtlich noch
in diesem Jahre ebenfalls fertiggestellt sein.
5. Technische Daten
Kirchengebäude: ca. 4.650 m3 umbauter Raum
ca. 633 m2 Nutzfläche
Gemeinde- und Jugendheim ca. 1.633 m3 umbauter Raum
ca. 353 m2 Nutzfläche
Pfarrhaus: ca. 1.323 m3 umbauter Raum
ca. 260 m2 Wohn- und Nutzfläche
Zur Herstellung der Bauten wurden u. a. aufgewendet:
ca. 1.250 m3 Beton der Güteklassen B 120 bis B 300,
teilweise als Sichtbeton, teilweise als wasserdichter Beton der Kellerwände (weiße Wanne)
ca. 475 t Stahl in Form von Betonstahl I, III b und Baustahlgewebe sowie Profilstahl
ca. 580 m3 Mauerwerk aus Kalksandsteinen und Hochlochziegeln
ca. 450 m2 Verblendung aus Vormauersteinen in Dünnformat
ca. 1.750 m2 Innen- und Außenputz, teilweise als Edel-Kratzputz
ca. 750 m2 Holzverbretterungen
ca. 250 m Entwässerungskanäle aus Beton- und Steinzeugrohren
Die Beheizung der Kirchenanlage erfolgt über Anschluß an die städtische Fernheizung.
Das Gemeinde- und Jugendheim, sowie das Pfarrhaus sind mit Radiatoren ausgerüstet,
die Kirche erhielt eine kombinierte automatische Fußboden- und Luftheizungsanlage,
Planung ünd Bauleitung:
Architekten Schneemann + Schniepp, Braunschweig
Mitarbeiter Dipl. Ing. Ottilige
Künstlerische Gestaltung: Claus Kilian, Braunschweig
Bernhard Schneemann
Dipl.-Ing. G. Schniepp
Architekten BDB + BDA
Nachwort
Mir bleibt als Pastor in diesem Augenblick das Danke an die Menschen, die aus Idealismus
beim Aufbau der Gemeinde aus dem Nichts treu geholfen haben, ohne zu wissen,
ob ihr Tun Erfolg haben wird.
Ähnlich wie "Hans im Glück" kam ich ohne Rechte, ohne Mittel nach Braunschweig, in
einen Seelsorgsbezirk, wo auch nichts war. Den ersten Speisekelch, die ersten Gewänder
schenkte uns der Bischof Heinrich Maria Janssen aus seinem Privatbesitz. Den
Holzaltar stiftete die Firma Köppe.
Wer aber will daran erinnert werden, wie primitiv das alles war? Wer hat noch Sinn für
Dankbarkeit, die die ganze Gemeinde Familie Sadowski schuldet, die unermüdlich den
Kindergarten herrichtete und nach dem Gottesdienst die Räume scheuerte. Wie schwer
war es, die ersten 10 000,-- DM für den Kirchbau zu sammeln. Hier ist Frau W.
aus der Arndtstraße und ihre Nachfolgerin, Frau W. Saalestraße, zu nennen. Ist
dieser Geist Vergangenheit? Fast müßte man das annehmen, wenn man die Diskussionen
über Gemütlichkeit, Kunst, Raumeinteilung und Anschaffungen miterlebt und das Zerstreiten
erleidet ...
Und doch beginnt unsere Aufgabe jetzt nach Wegfall jeder Entschuldigung, das Äußere
ist fast alles da. Schaffen wir es aber, den umbauten Raum mit Leben so zu füllen, wie
Herr Kilian sich das vorstellt? Was Kirchenraum angeht, so ist das im Wesentlichen
mein Gebiet. Was ich bisher getan habe, war nicht immer mein Beruf, es war Vorbereitung,
war Vorfeld. Gottesdienst, Verkündigung und den Menschen bewußt machen, daß
Gott da ist, sind Ziele meiner Seelsorge. Sicher hat diese Arbeit auch schon begonnen,
nahm aber noch nicht den Platz im Terminkalender ein, wie es zu wünschen wäre. War
es Flucht, wenn wir uns mit organisatorischen Notwendigkeiten belastet haben, um nicht
vor letzte Fragen und Entscheidungen gestellt zu sein? Die Zukunft wird das zeigen,
Helfen wir uns, uns auszurichten auf Gott und den Nächsten, vertiefen wir diese Haltung,
um mit der Hilfe Gottes eine vom Wahn der Zeit geheilte Gemeinschaft zu werden.
Alfred Merten, Pastor
Den nachfolgend aufgeführten Firmen danken wir an dieser
Stelle recht herzlich für ihre Geldspende, mit der sie zum
Gelingen dieser Festschrift beigetragen habeno
| Firma Walter Janocha | 33 Braunschweig, Donaustr. 45 |
| Firma Josef Inderwisch | 33 Braunschweig, Am Hohen Tore 2b |
| Firma Horst Försterling | 33 Braunschweig, Illerstr. 59 a |
| Gaststätte Erste Kulmbacher | 33 Braunschweig, Madamenweg 164 |
| Wolters Erfrischungsgetränke GMBH | 33 Braunschweig, Alte Frankfurter Str. 211 |
| Kunststube an St. Aegidien, H.&G. Koch | 33 Braunschweig, Hinter Aegidien 1 |
| Firma Bernhard Maring | 33 Braunschweig, Bültenweg 38-43 |
| E. F. Witting | 33 Braunschweig, Schuhstraße |
| Max Voets | 33 Braunschweig, Wolfenbütteler Str. 51 |
| Wilhelm Kemper & Co | 33 Braunschweig, Händelstr. 5 |
Quellen- und Literaturhinweise
A Urkunden und gedruckte Quellen
Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, Hauptabteilung Urkunden: 8 Urk und 8a Urk
Hauptabteilung Handschriften: VII B HS Band 245 - 266
Stadtarchiv Braunschweig: A III 11, B III 16
Bothonis Chronicon Brunsvicense picturatum, gedruckt in: G. W. Leibnitz,
Scriptores rerum Brunsvicensium, Band III, Hannover 1711
Chronicon rhythmicum Brunsvicense, gedr. in: Leibnitz, Scriptores rerum Brunsvicensium, Band III
Meibomius, Henricus: Außführlicher Warhaffter Historischer Bericht, die Fürstliche Land- und Erbstatt Braunschweig ....
betreffend, gedr. Wolfenbüttel 1607
Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Band 2, Braunschweig 1873-80
Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe,
hg. von Karl Janicke, Bd. 2-3, Leipzig/Hannover 1896-1911
B Literatur
Allers, Rudolf: Die drei Braunschweiger Gertruden im 11. und 12. Jahrhundert.
Braunschweiger Kalender 1962, S. 42-45
Bertram, Adolf: Geschichte des Bistums Hildesheim, 3 Bde., Hildesheim/Leipzig 1899-1925
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Döll, Ernst: Die Kollegiatstifte St. Blasius und St, Cyriacus zu Braunschweig.
Braunschweiger Werkstücke 1967, Band 36, Waisenhaus-Buchdruckerei
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In "Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen", Jahrgang 1886, S. 1-104
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Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig, Jahrgang 5, 1906, S. 1-61
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Hennecke, Edgar / Krumwiede, Hans-Walter:
Die mittelalterlichen Kirchen- und Altarpatrozinien Niedersachsens.
Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens, Bd. 11 , Göttingen 1960
Klewitz, Hans-Walter: Königtum, Hofkapelle und Domkapitel im 10. und 11. Jahrh. in Archiv für Urkundenforschung" Bd. 16, 1939
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Der berühmten Stadt Braunschweig Kirchen-Historie. 5 Teile, Braunschweig 1707/20
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Sehlig, Emil: Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, Bd. 6, erster Halbband: Die Welfischen Lande, Tübingen 1955
Spiess, Werner: Geschichte der Stadt Braunschweig im Nachmittelalter .... 2 Bde., Braunschweig 1966
Steinmann, Carl: Die Grabstätten der Fürsten des Welfenhauses. Braunschweig 1885
Stutz, Ulrich: Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-germanischen Kirchenrechtes. Darmstadt 1955
Timme, Fritz: Brunswiks ältere Anfänge zur Stadtbildung,,
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