ST. CYRIAKUS
FESTSCHRIFT
Weihe der St. Cyriakus-Kirche
in Braunschweig (Weststadt)
am Samstag, dem 23. Juni 1973

Juni 1973
Herausgegeben von Pastor Alfred Merten. Gestaltung: J. Frenzel
Bildnachweis:
Seite 4, Sigrid Peinelt-Merck Hahnenklee;
Seite 8 und 34, mit Genehmigung des Niedersächsischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel;
Seite 16, mit Erlaubnis des Landesmuseums an der Ägidienkirche;
Seite 28, mit Erlaubnis des Herzog-Anton-Ulrich-Museums;
Seite 20 und 22, Druck erfolgt mit Genehmigung des Staatlichen Kunstgewerbemuseums
(Preußischer Kulturbesitz) in Berlin - Charlottenburg;
alle übrigen Fotos: J. Frenzel




Siehe das Zelt Gottes
unter den Menschen,
und er wird bei ihnen
sein Zelt aufschlagen,
und sie werden
seine Völker sein,
und er selbst,
Gott mit ihnen,
wird ihr Gott sein.


               Offenbarung 21,3

Heinrich Maria Janssen
Bischof von Hildesheim




Grußwort des Bischofs

Liebe Schwestern und Brüder in der St. Cyriakus-Gemeinde in Braunschweig!

Nun werden die Wochen und Tage gezählt bis zur Kirchweihe von St. Cyriakus in Braunschweig. Ich freue mich herzlich, daß der Konsekrationstag festgelegt werden konnte, und werde zur Kirchweihe gerne kommen.

Die erste Kirchweihe nach meiner Bischofskonsekration hatte ich im Dekanat Braunschweig; in Rüningen wurde damals die St. Hedwigskirche geweiht. Inzwischen ist in Braunschweig und im Umkreis manches Gotteshaus erstanden und manche Gemeinde neu gegründet worden. St. Cyriakus wird die jüngste Kirchengemeinde in Braunschweig sein.

Die Ballungsräume in den Außenbezirken unserer Großstädte sind eine nicht leichte und uns sehr bedrängende Aufgabe. In diesen neu entstehenden Stadtteilen rufen sehr bald sich bildende Christengemeinden nach einem Gotteshaus. In einer Zeit, in der das Gerede von der Aversion gegen die Kirche immer stärker wird, in der nicht wenige auf Distanz zur Kirche gehen und in einem hohen Maße Kritik an der Kirche geübt wird, ist es doch bemerkenswert, daß allerwärts noch neue Kirchengemeinden sich bilden und nach einem Kirchbau gerufen wird. Von den nun fast 250 Kirchen, die in den letzten 20 Jahren in unserem Bistum erbaut wurden, ist keine einzige errichtet worden, weil der Bischof oder die Bischöfliche Behörde es so wollten. Die Menschen haben nach der Kirche gerufen und, wie auch in Braunschweig St. Cyriakus, in einer bewundernswerten Opferbereitschaft für den Kirchbau sich eingesetzt. Ich kann nur in großer Dankbarkeit nach Braunschweig kommen und mit großer Freude über diese auch heute noch lebendige kirchliche Gesinnung, in der dort Gemeinde des Herrn wächst.

Es wird immer so sein, eine Gemeinde baut ihre Kirche. Aber der Kirchbau fügt auch die Gemeinde zusammen. Die herrliche Aufgabe, die der Bau einer Kirche darstellt, ist für eine Gemeinde ein starker Zusammenhalt. Möchte dann in der Zukunft die gleiche wache Bereitschaft und die freudige Anteilnahme ebenso lebendig bleiben für den Bau des gemeindlichen Lebens, daß nun in St. Cyriakus sich besser konsolidieren kann.

Gott segne die St. Cyriakus-Gemeinde und füge alle ihre Glieder "als lebendige Bausteine zu einem geistigen Tempel für Gott" (1 Petr. 2,5) zusammen.

Ihr Bischof
Heinrich Maria Janssen




Zur Einweihung der neuen Kirche der katholischen Sankt-Cyriakus-Gemeinde an der Donaustraße übermitteln wir im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt Braunschweig, aber auch persönlich, herzliche Grüße und gute Wünsche.

Gerade in der heutigen schnellebigen und hochtechnisierten Zeit mit ihren vielfältigen Problemen kommt dem Wirken der Kirche, besonders auch in den neuen Wohngebieten mit überwiegend jungen Familien, eine besondere Bedeutung zu.

Wir hoffen daher, daß sich die neue Kirche zu einem seelsorgerischen Zentrum in der Weststadt entwickeln möge.

Der Einweihungsfeier wünschen wir einen würdigen Verlauf.

Walter Klöditz, Oberbürgermeister

Hans-Günther Weber, Oberstadtdirektor



Für die Ev.-luth. Gemeinde entbiete ich der röm.-katholischen Gemeinde zum Tage der Kirchweih von St. Cyriakus herzliche Segenswünsche.

Inmitten der großen Wohnhäuser unseres Neubaugebietes ist ein aus der Norm fallendes Gebäude entstanden. Der ganzen Gemeinde steht nun endlich ein würdiger Raum zur Verfügung, um das Wort Gottes zu hören und die Heiligen Sakramente zu feiern. Im Zeichen des geistigen und geistlichen Umbruchs unseres Landes werden die Kirchen zunehmend mehr zu Stätten freien Hörens werden. Die Inflation der Meinungen wird suchende Menschen neu hinführen zur Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus. Es ist unser Wunsch, daß mit der Weihe von St. Cyriakus in unserem Stadtteil ein noch stärkeres Suchen und Fragen nach dem beginnt, was uns Gott für alle Bereiche unseres Denkens und Lebens anbietet.

Mehr denn noch vor wenigen Jahren wird den Christen inmitten der großen Steinwüste das Wort Jesu an seine Jünger gelten: "Ihr seid das Licht der Welt. Lasset Euer Licht leuchten vor den Leuten, auf daß sie Eure guten Werke sehen und Euren Vater im Himmel preisen".

Gott segne den neuen Kirchbau und alle, die ein- und ausgehen.

Dankward Apitz, Pfarrer am "Haus der Kirche"



Roderich Piekarek




Geschichte des Kollegiatstiftes St. Cyriacus

Dieser Ausschnitt aus dem bekannten Bild der "Hochberuembten Statt Brunnschwig" von Peter Spitzer aus dem Jahre 1547 vermittelt uns als absolut einzige Quelle das ungefähre Aussehen jenes Cyriacus Stiftes, das sich einst auf einem Hügel am westlichen Okerufer vor den Mauern Braunschweigs erhob und rund 500 Jahre lang ein Mittelpunkt geistlichen Lebens war. Auf der rechten Seite dieses Spitzersehen Holzschnittes erkennt man südwestlich der mittelalterlichen Stadtmauer eine von Wall, Graben und Palisadenwand umgebene klösterliche Anlage, überragt von den Doppeltürmen einer vermutlich romanischen Kirche, bestehend aus einer größeren Anzahl von Gebäuden, in denen man außer den 12 Kanonikalkurien die Propstei, die Choralei, die Schule, das Spital, die Kornspeicher und verschiedene andere Wirtschaftsgebäude zu sehen hat, die nach erhaltenen schriftlichen Zeugnissen nachweislich dort gestanden haben.

Auf allen späteren Stadtansichten, so etwa auf dem Merian-Stich von 1652 oder auf dem Stadtbild Bernhard Friedrich Werners von 1721, um nur die bekanntesten zu nennen, ist vom Cyriacusstift nicht mehr das geringste zu sehen. Die ganze Anlage war damals bereits restlos dem Erdboden gleichgemacht und diente als Viehweide, und nur noch der Name "Möncheberg" erinnerte die Braunschweiger in den nächsten 300 Jahren daran, daß dort einmal ein dem Blasiusstift ähnlicher Gebäudekomplex gestanden hatte. 1838 wurde schließlich auch dieser Stiftshügel gänzlich eingeebnet, als man das Gelände für den Bahnhof der ersten Eisenbahnstrecke im Herzogtum Braunschweig benötigte» (Heute steht das neue Hochhaus der Norddeutschen Landesbank an derselben Stelle.)

In den 20er Jahren unseres Jahrhunderts suchte man die Erinnerung an das einstige Stift wieder wachzurufen, indem man den südwestlichsten Teil der neuen großen Ringstraße mit "Cyriaksring" bezeichnete und zwei Straßen in der Nähe des (alten) Hauptbahnhofs die Namen Ekbert- und Odastraße erhielten, womit an die brunonische Gründerfamilie des Stiftes erinnert werden sollte.

Die Stifterfamilie

Die Gründung des Cyriacusstiftes erfolgte um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Originalurkunden über die Grundsteinlegung oder die Kirchweihe sind nicht erhalten, sondern man kennt die Vorgänge nur aus Zeugnissen späterer Zeiten, und diese sind lückenhaft genug. Übereinstimmend wird in allen ein Markgraf Ekbert aus der Familie der Brunonen als Stifter genannt, doch tauchten schon in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung Zweifel darüber auf, ob es sich dabei um Ekbert I. (+1068) oder um dessen Sohn Ekbert II. (+1090) handelt. 1)* Neuerdings neigt man der Ansicht zu, daß beide am Auf- und Ausbau des Stiftes beteiligt waren und der Sohn nur das begonnene Werk des Vaters fortsetzte und vollendete 2) Die Brunonen führten ihr Geschlecht auf einen Gaugrafen Bruno zurück, der um 800 im Kampf gegen die Dänen gefallen sein soll. Im 10. und 11. Jahrhundert gehörten sie zu den reichsten und angesehensten Adelsfamilien in Niedersachsen, und da sie durch Gisela, die Gemahlin Kaiser Konrads II. (1024-39), mit dem salischen Kaiserhaus verwandt waren, spielten sie auch in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Nach einem Grafen Bruno aus dem 10. Jahrhundert erhielt die damalige Kaufmannssiedlung am Okerübergang nahe der Burg Dankwarderode, dem vermutlichen Stammsitz der Familie, den Namen Brunswik = Brunow Wik, 3) und unter diesem Namen entwickelte sich der Ort in den nächsten Jahrhunderten zu der mittelalterlichen Großstadt Braunschweig. Auf die Brunonen geht auch eine größere Anzahl von kirchlichen Stiftungen zurück, in Braunschweig selbst allein zwei Kollegiatstifte und ein Kloster, die sämtlich innerhalb eines Jahrhunderts ins Leben gerufen und mit beachtlichem Grundeigentum aus dem Allodialbesitz der Familie ausgestattet wurden. Zunächst entstand unter dem Grafen Liudolf (+1038) und seine Gemahlin Gertrud (I.) um 1030 unmittelbar neben der Burg das alte Domstift, dessen Kirche den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht wurde . (Erst später nach dem Neubau durch Heinrich den Löwen wurde der Märtyrerbischof Blasius zum Hauptpatron erkoren, weshalb man seit Ende des 12. Jahrhunderts vom Blasiusstift sprach.) Dann wuchs zwischen 1045 und 1085 vor den Mauern der Altstadt (falls diese überhaupt schon Mauern hatte) auf dem bereits erwähnten Hügel am westlichen Okerufer das Kollegiatstift St. Cyriacus empor. Schließlich gründete noch vor 1115 Ekberts II. Schwester, die dreimal verwitwete Markgräfin Gertrud (II.) auf einem Hügel am Ostufer der Oker das Benediktinerkloster St. Ägidien.


*) siehe Anmerkungen am Schluß des Artikels

Welche Beweggründe veranlaßten damals nicht nur die Brunonen, sondern auch andere Adelsfamilien zu solch aufwendigen kirchlichen Stiftungen? Die landläufige und sogar durch Urkunden belegbare Antwort lautet "zur Ehre Gottes, der Gottesgebärerin Maria 4) und dieser oder jener Heiligen". Man könnte hinzufügen, daß jenen Stiftern wahrscheinlich auch die wirtschaftliche Förderung ihrer Gebiete und die geistige Bildung ihrer Untertanen am Herzen lag, waren doch vom 9. bis zum 12. Jahrhundert die Klöster und Stifte die hauptsächlichsten Zentren und Vermittlungsstätten von Bildung und Kultur. Aber man wird mit solcher Auslegung den wahren Intentionen dieser Grafen und Fürstenfamilien nicht ganz gerecht. Der tiefste Grund für die Errichtung von Kirchen und Klöstern durch die Adligen jener Zeit ist in der Sorge um das eigene Seelenheil und das ihrer nächsten Angehörigen zu suchen. Man glaubte hierfür am besten gesorgt zu haben, wenn man sich eine eindrucksvolle Begräbnisstätte in Form einer Grabeskirche erbauen ließ und ein Priesterkollegium oder eine klösterliche Gemeinschaft testamentarisch dazu verpflichtete, "für immerwährende Zeiten" die Memorien, d. h. die Vigilien (= das Totenoffizium) und die Seelenmessen für den Stifter und seine Familie zu zelebrieren. Jene ritterlichen Herren, die oft ein Leben lang nicht aus dem Sattel kamen und in zahllose Fehden und kriegerische Unternehmungen verstrickt waren, wobei es naturnotwendig nicht ohne mancherlei Gewalttat, Unrecht, Verrat und Treuebruch abging, entwickelten gelegentlich ein erstaunliches Sühnebedürfnis, und gern gaben sie einen beträchtlichen Teil ihres Landbesitzes hin, um sich die ewige Seligkeit zu sichern. Die Heiligen, denen zu Ehren man ein Gotteshaus errichtete, gewann man sicher als himmlische Fürsprecher, und das ständige Gebet einer eigens hierfür bestellten Klerikerschar war wohl imstande, Gottes verzeihende Barmherzigkeit zu erflehen. Entsprechend der Bußpraxis der mittelalterlichen Kirche konnte man seine Sünden nur durch augenfällige Bußleistungen sühnen, und zum gültigen Empfang des Bußsakramentes gehörte damals (im Gegensatz zu späteren Zeiten) unabdingbar eine ausreichende Genugtuung in Form von Gebeten, Fastenübungen und Almosen, d. h. Hergabe von Vermögenswerten für einen kirchlichen Zweck, wollte man nicht riskieren, im Jenseits lange Fegfeuerstrafen erleiden zu müssen.

Unter diesem Blickwinkel muß man auch die erwähnten Stiftungen der Brunonen und anderer Adelsfamilien sehen: als Glieder einer langen Kette, die im niedersächsischen Raum vom Kanonissenstift Gandersheim (856) über Lamspringe (873), Ringelheim (940), Heiningen(1013) und ein Dutzend anderer Klöster reicht, bis hin zu den großen Benediktinerklöstern Bursfelde (1O9O) 5) und Königslutter (1135), der imposanten Stiftung Kaiser Lothars III. (Der herrlichsten Grabkirche dieser Art. des Speyerer Domes, sei hier nur am Rande gedacht!) Diese Kette setzt sich fort in zahlreichen Klostergründungen des 12. Jahrhunderts, von denen hier nur noch Wöltingerode (1174) und Dorstadt (1198) erwähnt seien. Das gemeinsame Merkmal aller dieser Stifte und Klöster ist ihr Charakter als Eigenkirchen einer bestimmten Adelsfamilie, womit deren Recht auf eine Grablege an bevorzugter Stelle innerhalb des Gotteshauses verbunden war, daneben aber auch die Übernahme der Patronats- und Vogteirechte, d. h. des Schutzrechtes nach außen gegenüber anderen weltlichen Mächten oder Instanzen. Auch die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit auf dem Stifts- oder klostereigenen Grund und Boden gehörte zum verbrieften Recht der Stifterfamilie. 6) Als besonders wichtig erwies sich in der Folgezeit, vor allem bei den Kollegiat- und Kanonissenstiften, das aus dem Patronat hergeleitete Präsentationsrecht, also das Vorschlagsrecht bestimmter Personen für Kanonikatsstellen im Falle eintretender Vakanzen. Hier bot sich dem jeweiligen Patronatsinhaber eine ausgezeichnete Möglichkeit, nachgeborene Söhne oder unverheiratete Töchter seiner Ministerialen standesgemäß unterzubringen, wobei natürlich die Dignitärstellen (Äbte, Äbtissinnen, Pröpste, Dechanten) weitgehend den Angehörigen der Stifterfamilie selbst vorbehalten blieben. Andererseits konnte der Patron seine Kanzlisten, Geschäftsträger oder die Erzieher seiner Kinder jederzeit aus den Reihen "seiner" Stiftsgeistlichkeit nehmen. Gelegentlich wurden auch verdiente Ministerialen mit den Einkünften einer Kanonikerpfründe belohnt, und wenn der Betreffende selbst nicht Kleriker war, konnte ein Vikar die mit dem Kanonikat verbundenen geistlichen Verrichtungen wahrnehmen. Es bestand also stets eine enge Verbindung zwischen dem Stifter und seinem Stift. Als nach dem Aussterben der Brunonenfamilie deren Güter durch Erbschaft an die Welfen kamen, ging selbstverständlich auch das Patronatsrecht über die Braunschweiger kirchlichen Stiftungen an diese Fürstenfamilie über, und bis zur Säkularisation 1803, ja sogar über diesen Zeitpunkt hinaus, legten die Welfenherzöge größten Wert darauf, die einträglichen Kanonikatsstellen mit Angehörigen des Herzogshauses, mit Ministerialbeamten oder mit sonstigen Hofbediensteten zu besetzen.

Im 11 . Jahrhundert, also während der Bauzeit der Cyriacuskirche und der Anlage der älteren Stiftsgebäude , war das Schicksal der Brunonen aufs engste mit dem salischen Kaiserhause verknüpft. Liudolf, der Mitbegründer des Domstiftes, war ein Halbbruder Kaiser Heinrichs III. und gehörte zu den treuesten Gefolgsleuten Kaiser Konrads II., des 3. Gemahls seiner Mutter Gisela. 7) Als nach seinem Tode sein ältester Sohn Ekbert ihm als Graf von Braunschweig folgte (1038), übernahm dieser mit dem väterlichen Erbe natürlich auch die unbedingte Treue zum Herrscherhaus, und auch nach dem frühen Tode Heinrichs III. zu Bodfeld im Harz 1056 unterstützte er die Kaiserin Agnes in ihrer schwierigen Stellung gegenüber aufsässigen Herzögen und in ihrer Sorge um die Erhaltung des Thrones für ihren unmündigen Sohn Heinrich IV. Später jedoch schloß sich Ekbert I. den opponierenden Fürsten an, die mit dem "Weiberregiment" der Kaiserinwitwe unzufrieden waren und unter Führung des Erzbischofs Anno von Köln den Königssohn dem mütterlichen Einfluß zu entziehen trachteten. Bei der berüchtigten Entführung des Knaben Anfang Mai 1062 von Swibertswerth (heute Kaiserswerth) nach Köln gehörte Ekbert zu jenen Edlen, die den ahnungslosen Jungen auf das prächtig geschmückte Schiff des Erzbischofs lockten. Als dieses dann plötzlich vom Lande abstieß und Heinrich voller Angst in den Rhein sprang, um zu seiner Mutter in die Pfalz zurückzufliehen, da war es Ekbert, der ihm nachsprang und den beinahe Ertrinkenden den Fluten entriß.

Die Regentschaft des Reiches übernahm nun anstelle der Kaiserin im Namen des entführten Königs der herrische Erzbischof Anno, und Heinrich selbst wurde fürs erste einmal einer strengen, asketischen Erziehung unterworfen, die ihm bekanntlich ebensowenig gut tat wie nachher die laxe und nachgiebige Erziehung durch den Bremer Erzbischof Adalbert. Zu letzterem hatte Ekbert nie ein besonders gutes Verhältnis, sahen doch die sächsischen Edlen in diesem Thüringischen Grafensohn, der von seinem Zögling Heinrich reich mit sächsischen Besitztümern ausgestattet wurde, nicht ganz zu Unrecht einen überheblichen Eindringling und Usurpator. Dagegen entwickelte sich zwischen Ekbert und dem Hildesheimer Bischof Hezilo (1054-79) ein fast freundschaftliches Einvernehmen, zumal der Graf von Braunschweig bedeutende Ländereien vom Stift Hildesheim zu Lehen trug. Dieser Umstand brachte Ekbert freilich auch in Zusammenhang mit dem ärgerlichen Rangstreit Hezilos mit dem Fuldaer Abt Widerad am Weihnachtsfest 1062 und am Pfingstfest 1063 im Goslarer Dom. Bei dem blutigen Gemetzel, das die Anhänger beider Prälaten sich dort vor den Augen des entsetzten 13jährigen Königs lieferten, und zwar vor Beginn der Pfingstvesper, war Ekbert der Anführer der Hildesheimer Ritter, die ihren Bischof vor den Angriffen seiner Gegner mit der Waffe schützten. 8) 1O65 erfolgte die Mündigkeitserklärung Heinrichs IV. und im Jahr darauf die Entmachtung Adalberts von Bremen. Danach scheint sich das Verhältnis Ekberts zum König wieder sehr gebessert zu haben, sonst hätte dieser ihn wohl kaum 1067 mit der Mark Meißen belehnt. Lange konnte sich Ekbert jedoch der Markgrafenwürde nicht erfreuen, da er bereits 1068 starb; nicht ohne vorher seinen Sohn mit der Tochter des vorherigen Markgrafen Otto von Meißen vermählt zu haben. Es war eine der typischen Kinderehen jener Zeit, denn sowohl Ekbert II. wie Oda waren noch unmündig. Der dem Brunonengeschlecht noch immer günstig gesonnene König bestätigte den jungen Ekbert in seinen Würden als Graf von Braunschweig und Markgraf von Meißen.

Das änderte sich jedoch gründlich, als der große Sachsenaufstand von 1073 gegen Heinrich IV. ausbrach und Ekbert II. unter dem Einfluß seiner Schwiegermutter Adela zu den Feinden des Königs überging. Dieser Schritt bedingte den weiteren tragischen Lebensweg dieses letzten männlichen Brunonen, der sich nur zu bald gezwungen sah, zwischen den tödlich verfeindeteten Parteien hin und her zu lavieren und sich dadurch bei den Historikern den Ruf eines wankelmütigen und charakterlosen Fürsten zu erwerben. 9) In den erbitterten Auseinandersetzungen Heinrichs IV. mit Papst Gregor VII. und in den nicht abreißenden Kämpfen mit den beiden Gegenkönigen Rudolf von Schwaben und Hermann von Salm, die das Reich in schwerste innere Wirren stürzten, sehen wir Ekbert II. bald auf der Seite des Königs, bald auf der seiner Gegner stehen. Nach Niederschlagung des Sachsenaufstandes entkleidete Heinrich IV. den ungetreuen Markgrafen zunächst seiner Würde und konnte ihn auch nach hartem Ringen aus der Mark vertreiben. Infolge des wechselnden Kriegsglückes jedoch sah er sich wenige Jahre später gezwungen, Ekbert wieder einzusetzen (1080). Es war dies gewissermaßen ein Akt des Dankes dafür, daß sich der Brunone noch vor der Schlacht bei Flarchheim von denf Gegenkönig Rudolf losgesagt und mit seinem schlagkräftigen Sachsenheer die Reihen Heinrichs verstärkt hatte. Auch hatte er einen demütigen Fußfall getan und Treue für alle Zukunft gelobt. Als Heinrichs Gegner jedoch nach dem Tode Rudolfs, den dieser infolge seiner Verwundungen in der Schlacht bei Hohenmöhlen erlitten hatte, 10) einen neuen Gegenkönig in der Person des Lothringers Hermann von Salm aufstellten, ging Ekbert ungeachtet seiner Treueschwüre zu diesem über und focht für dessen Sache, bis 1085 Heinrich in Sachsen wieder die Oberhand gewann und der inzwischen mit der Reichsacht belegte Ekbert sich gezwungen sah, einen neuen Akt zerknirschter Buße dem inzwischen zum Kaiser gekrönten Heinrich vorzuspielen.

Gegen das Versprechen, ein starkes Heer für des Kaisers Kampf in Thüringen aufzustellen, erhielt er abermals Verzeihung und die Neubelehnung mit der Markgrafschaft Meißen. Doch bald ließ sich Ekbert von des Kaisers Feinden bestimmen, wiederum die Partei zu wechseln, zumal ihm von einigen Fürsten Hoffnung gemacht wurde, daß er selbst anstelle des zu schwachen Hermann von Salm zum deutschen König gewählt werden könnte. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. Auf dem Fürstentag zu Quedlinburg 1088 wird Ekbert von einem Fürstengericht unter Vorsitz des Kaisers zum zweitenmal mit der Reichsacht belegt und aller seiner Güter für verlustig erklärt . Noch gelingt es ihm, über ein Jahr lang von der Burg Gleichen aus gegen die kaiserlichen Truppen zu kämpfen und ihnen erhebliche Verluste beizubringen, dann sinkt sein Stern unaufhaltsam. In wilden Fehden gegen den Bischof Udo von Hildesheim und gegen den neuen Markgrafen von Meißen, Heinrich von Eilenburg, der obendrein sein Schwager ist, verzehrt er seine Kräfte. Ruhelos hin und her geworfen, immer bemüht, wenigstens die ererbten brunonischen Hausgüter wiederzugewinnen, ereilt ihn schließlich im Juli 1090 der Tod durch Mörderhand. Der Kaiser hatte zwei seiner Dienstmannen beauftragt, dem unsteten Leben dieses treulosen Vasallen ein Ende zu setzen. Sie schmeicheln sich bei Ekbert ein unter dem Vorwande, vom Kaiser unwürdig behandelt worden zu sein. Dieser nimmt sie in sein Gefolge auf, und in einer Julinacht erschlagen sie ihn in einer Mühle "juxta aquam, quae dicitur Selicha" nahe bei dem Ort "Aysenbuttel". Bis heute ist nicht restlos geklärt, was unter dem Fluß "Selicha" zu verstehen ist, ob die Selke im Harz oder die bei Gr. Brunsrode entspringende Salke, die nach Isenbüttel fließt und sich dort mit anderen Zuflüssen zur Hehlenriede vereinigt . Da es im Selketal im Harz keinen Ort Aysenbuttel bzw. Eisenbüttel gibt, hat man das Wort gelegentlich als Eisenhammer gedeutet. Nach der anderen Version wäre der Ort Isenbüttel bei Gifhörn gemeint, und Ekbert könnte sich auf dem Wege nach der alten Brunonenfeste Scheverlingenburg, dem heutigen Walle an der Oker, befunden haben, (eine Deutung die viel Wahrscheinlichkeit für sich hat).

Des Erschlagenen Leiche wurde nach Braunschweig überführt und in der vom Bischof Hezilo etwa 20 Jahre zuvor geweihten Kirche des Cyriacusstiftes beigesetzt. Nun ruhte der "Ekbertus Marchio, fundator hujus ecclesiae", nach einem Leben voller Kampf und Streit endlich in "seiner" Grabkirche, und die Stiftskanoniker wie auch die des Domes sangen bis zur Reformationszeit an den dafür bestimmten Tagen die Memorien für seine Seelenruhe. Bei der Zerstörung des Stiftes im Jahre 1545 blieb der Steinsarg unter den Trümmern verschüttet, bis er 1689 wieder zum Vorschein kam, als das Gelände in den neuen Festungsgürtel einbezogen wurde, den die Herzöge Rudolf August und Anton Ulrich anlegen ließen. Die Gebeine wurden in den Blasiusdom überführt und in der Krypta neben dem Grab der Brunonin Gertrud (I.) eingebettet. Bei dieser Überführung wie auch bei gelegentlichen späteren Öffnungen des Sarges (zuletzt 1968 anläßlich der Renovation der Krypta) wurde man aufmerksam auf die noch deutlich erkennbaren Einschlagstellen in der Schädeldecke, die auf die Schwerthiebe der Mörder zurückzuführen sind.

Da Ekbert II. kinderlos verstarb, gingen die Brunonischen Besitzungen auf seine Schwester Gertrud (II.) über, die mit dem Markgrafen Heinrich von Eilenburg, dem Nachfolger Ekberts in Meißen, in dritter Ehe vermählt war. Durch die Heirat ihrer Tochter Richenza mit dem Grafen Lothar von Süpplingenburg, dem späteren Kaiser Lothar III. (1125-37), kam das Brunonische Erbe an diesen. Schließlich heiratete Lothars und Richenzas Tochter Gertrud (III.) den Bayernherzog Heinrich den Stolzen aus dem Geschlechte der Welfen, und der Sohn aus dieser Ehe, Heinrich der Löwe, vereinigte dann als Herzog von Bayern und Sachsen die ererbten Güter mit seinen übrigen umfassenden Ländereien. Von 1137 an waren damit die Welfen auch die Patronatsherren der beiden Braunschweiger Kanonikerstifte.

Das Patrozinium des hl. Cyriacus

Die Kirche des Stiftes "uppe dem berch vor Brunswik" war ursprünglich zu Ehren des Heiligen Kreuzes errichtet worden, und die beiden Märtyrer Cyriacus und Quirinus wurden zu deren himmlischen Patronen erkoren, wahrscheinlich deshalb, weil man zur Zeit der Stiftsgründung gerade Reliquien von ihnen beschaffen konnte. Von dieser Möglichkeit hing ja im Mittelalter oft das Patrozinium einer Kirche ab. Aber eigentlich hätte sie als Kreuz- und nicht als Cyriacuskirche in die Geschichte eingehen müssen und das Kollegiatstift als Kreuzstift.

Und tatsächlich sprechen die ältesten erhaltenen Urkunden von der "Ecclesia sanctae crucis sanctique Cyriaci". Auch das älteste Siegel des Stiftes von 1220 zeigt im oberen Teil ein umrandetes griechisches Kreuz und darunter die Figur des hl. Cyriacus in Diakonstracht. (Des hl. Quirinus wird nicht gedacht.) Seit Mitte des 13. Jahrhunderts jedoch ist immer nur von der "Ecclesia sancti Cyriaci ante muros Brunsvicensis" oder vom "Decano et Capitulo montis sancti Cyriaci" die Rede. Die Titulierung einer hiesigen Kirche nach dem Heiligen Kreuz war inzwischen auf das 1230 von Balduin von Campe gestiftete Nonnenkloster auf dem Rennelberge übergegangen. Auch mag dem Volke die Bezeichnung der Stiftskirche nach dem hl. Cyriacus als einem der vierzehn Nothelfer näher gelegen haben, sind doch fast sämtliche Braunschweiger Kirchen und Kapellen des Mittelalters entweder nach Aposteln oder nach Nothelfern benannt. (St. Blasius, St. Ägidius, St. Katharina, St. Georg, St. Leonhard, St. Nikolaus) 11)

Darstellung des heiligen Cyriakus auf einem
gotischen Flügelalter (um 1500)

Wer war nun eigentlich dieser hl. Cyriacus? Das "Lexikon für Theologie und Kirche" muß zugeben, daß man von ihm kaum mehr als den Namen kennt. Weder sind die näheren Umstände seine Martyriums noch sonstige Ereignisse aus seinem Leben historisch gesichert. Die "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine (zwischen 1263 und 1273 niedergeschrieben) bringt zwar eine ziemlich ausführliche Beschreibung seiner Wunder und seines Martyriums, doch ist das alles legendär und geschichtlich unhaltbar. Man weiß nur, daß er in der letzten großen Christenverfolgung unter Diokletian, und zwar erst nach dessen Abdankung unter dem in Rom herrschenden Kaiser Maximian, etwa 309 den Märtyrertod erlitt und sein Grab sich an der Via Ostiensis befand, von wo seine Gebeine mit denen mehrerer anderer Märtyrer im 9. oder 10. Jahrhundert in die Kirche des heiligen Papstes Marcellus übertragen wurden» Mehrfach wurden dann Reliquien dieser Märtyrer nach Deutschland gebracht, eine Armreliquie des hl, Cyriacus unter Kaiser Otto I. (936-73) nach Bamberg, weitere sollen schon im 9. Jahrhundert nach Neuhausen bei Worms gekommen sein. Woher die Braunschweiger Reliquien stammen, ist völlig unbekannt. Die Erzählung aus der "Legenda aurea" über diesen Heiligen, die wohl auf ältere Quellen zurückgeht, hat im Martyriologium romanum eine verkürzte Fassung erhalten, die in der 2O Nocturn seines Festes am 8. August als 4. Lesung erscheint: "Der Diakon Cyriacus war mit Sisinus, Largus und Smaragdus längere Zeit in einem Kerker eingeschlossen und wirkte viele Wunder, wobei er unter anderem auch Arthemia, die Tochter Diokletians, durch sein Gebet von einem bösen Geist befreite; und zum persischen König Sapor geschickt, trieb er auch aus dessen Tochter Jobias den verderblichen bösen Geist aus. Nachdem deren Vater, der König, mit 430 anderen getauft worden war, kehrte der Heilige nach Rom zurück. Dort wurde er auf Befehl des Kaisers Maximian gefangengenommen und in Ketten vor seinem Wagen einhergezerrt. Nach 4 Tagen wurde er aus dem Kerker herausgeführt, mit flüssigem Pech begossen, auf der Folterbank ausgespannt und schließlich zugleich mit Largus und Smaragdus und anderen 20 an der Via Salaria erschlagen. Ihre Leiber wurden an derselben Straße am 16. März vom Priester Johannes bestattet und später am 8. August von Papst Mareellus und der vornehmen Frau Lucina in linnene Hüllen eingehüllt, mit kostbaren Salben gesalbt und auf das Grundstück der genannten Lucina auf dem Wege nach Ostia überführt".

Wegen der beiden Teufelsaustreibungen bei der Tochter Diokletians und der Tochter des persischen Königs (beide historisch nicht nachweisbar) wurde Cyriacus unter die Nothelfer eingereiht, und sein Kult verbreitete sich seit der Übertragung der Armreliquie nach Bamberg über weite Gebiete des Deutschen Reiches.Man rief ihn an gegen Besessenheit, böse Geister und gegen allerlei Versuchungen, in denen man ja direkte Einflüsterungen des Satans sah. In manchen Gegenden flehte man ihn an bei Ausübung des "Milchmirakels", eines abergläubischen Brauches, wodurch man den Kühen zu guten Milcherträgen verhelfen wollte, weil nach einer weiteren, ausschmückenden Legende bei der Enthauptung (?) des Heiligen aus seinem Halse Milch statt Blut geflossen sein sollte. In den meisten Fällen dürfte man seine Hilfe wohl in Anspruch genommen haben, wenn jemand Anzeichen von Wahnsinn zeigte oder von jener Krankheit befallen wurde, die wir heute mit Schizophrenie bezeichnen. Ende des 14. Jahrhunderts fertigte man dann für die Braunschweiger Stiftskirche jene silberne Cyriacusbüste als Reliquienbehälter an, die heute ein besonders kostbares Schaustück in der Sammlung mittelalterlicher Sakralkunst des Anton Ulrich Museums darstellt und im Knappensaal der Burg Dankwarderode zu besichtigen ist.

Gewöhnlich wurde der Heilige als Diakon mit einem Palmzweig in der rechten Hand (Siegeszeichen, Palma martyrum), einem Buch in der Linken und einem gefesselten Teufel zu seinen Füßen dargestellt. (Die Deutung dieser Attribute erklärt sich aus der Legende.) Auf den meisten erhaltenen Urkundensiegeln des Cyriacusstiftes ist er nur mit Palmzweig und Buch, ohne Dämon, zu sehen. Der andere Schutzheilige, St. Quirinus, war Bischof in Siscia (Sissek in Kroatien) und starb 309 den Märtyrertod in Steinamanger, indem man ihn ertränkte. Seine Attribute sind daher ein Mühlstein und ein Habicht; sein Fest wurde im Mittelalter am 4. Juni gefeiert, (im nachtridentinischen Festkalender nicht mehr enthalten.) Im späteren Mittelalter tauchen noch eine Reihe weiterer Schutzpatrone auf, von denen noch zu reden sein wird.

Aussehen und Einrichtung der Kirche auf dem Cyriacusberg

Obwohl wir außer der Abbildung auf dem Spitzerschen Holzschnitt keinerlei weitere Anschauung von dem Gotteshaus besitzen, können wir uns doch aus Vergleichen mit erhaltengebliebenen Kirchen derselben Bauperiode ein ungefähres Bild von seiner Beschaffenheit machen, wobei uns eine ganze Reihe von schriftlichen Zeugnissen in Form von Urkunden über Altar- und Memorienstiftungen zuhilfe kommt. Nach dem überlieferten Bild handelt es sich um eine romanische Basilika mit zweitürmigem Westwerk, wie wir sie ähnlich bei der Stiftskirche in Gandersheim, der Bursfelder Benediktinerkirche oder dem Corveyer Westbau vorfinden. Auch die relativ guten bildlichen Darstellungen des 1819 abgebrochenen Goslarer Domes zeigen vergleichbare Formen, ebenso die Westansicht der Braunschweiger Martinikirche, nur muß man sich bei den meisten dieser Kirchen die Türme bis oben durchgehend mit quadratischem Querschnitt denken (wie Corvey) und nicht in den oberen Stockwerken ins Achteck umsetzend. Aus schriftlichen Zeugnissen wissen wir von einem Kreuzgang, der aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Südseite der Stiftskirche lag wie beim Blasiusdom, bei St. Ägidien, beim Franziskaner- oder beim Dominikanerkloster am Bohlweg bzw. Hintern Brüdern. Daß auch eine Marienkapelle dem Kreuzgang angegliedert war wie in Königslutter, im Hildesheimer Kreuzstift und in zahlreichen weiteren Klöstern, wissen wir aus einer entsprechenden Urkunde von 1312.

Über die Ausstattung der Kirche im Inneren mit Altären sind wir ziemlich gut unterrichtet. Der Hochaltar am Ostende des Chores dürfte wohl nach der Absicht der Stifter dem Heiligen Kreuz und den Hauptpatronen Cyriacus und Quirinus geweiht gewesen sein. Vielleicht war eine Kreuzpartikel (aus Hildesheim?) und die bereits erwähnten Reliquien der beiden Märtyrer im Altarstein deponiert oder in Reliquienbehältern darauf gestellt. Am Westausgang des Chores an der Außenseite des Lettners stand, wie bei allen Dom- und Klosterkirchen des Mittelalters, der Kreuzaltar für die Laiengottesdienste. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war über ihm ein mehrfach bezeugtes kostbares Bild der Gottesmutter aufgehängt "in der Art, wie St. Lucas es einst gemalt hatte". Zu beiden Seiten der Hl. Maria waren Cyriacus und Quirinus abgebildet, und außerdem befanden sich im Rahmen des Bildes verschiedene Reliquien. Ein Priester des Stiftes hatte das kostbare Stück aus dem Heiligen Lande mitgebracht, der päpstliche Legat Raimund Peraudi hatte es 1502 persönlich geweiht, und die Verehrung des Bildes war von ihm mit einem Ablaß von 100 Tagen begabt worden. Seit 1308 stand "in der Mitte des Chores" ein Marienaltar, der von einem Mitglied des Welfenhauses gestiftet und vom Bürger Hermann von Ursleve dotiert worden war. Es war dies ein Altartisch aus kostbarem Material (Marmor, Bronze oder Silber mit Einlagen von Bergkristall) ähnlich dem, der von Heinrichs des Löwen Gattin Mathilde 1188 für den Blasiusdom gestiftet worden war 12) oder dem Crodoaltar im Goslarer Dom. Nur als Tisch, ohne Altaraufsatz, standen diese Marienaltäre 4 bis 5 m vor dem Hochaltar etwa dort, wo das Chorgestühl begann.

Zu den ältesten Altären solcher Stiftskirchen gehörten auch immer ein Marien- und ein Johannesaltar im westlichsten Teil des Hauses "unter den Türmen" (sub turri). In der Cyriacuskirche stand der Altar des Lieblingsjüngers Johannes unter dem Südturm, der Marienaltar unter dem Nordturm, entsprechend der Gruppierung beider unter dem Kreuz (vom Hochaltar her gesehen). Ein weiterer Marienaltar stand ebenfalls im westlichen Teil der Kirche, vielleicht in einer Sonderkapelle. Von den letzten 3 Altären kennt man das Entstehungsjahr nicht genau, jedenfalls aber liegt es vor 1200. Dann gab es einen Petrusaltar "vor der Tür zum Kreuzgang", der 1298 von einem Priester Johannes aus der Altenwiek dotiert worden ist.

Die übrigen 14 Altäre entstammen sämtlich dem 14. und 15. Jahrhundert und waren teils von Kanonikern, teils von Braunschweiger Bürgern gestiftet worden. Ob diese Seitenaltäre an den Pfeilern des Langhauses oder in ausgebauten Seitenkapellen aufgestellt waren, wie wir es von Gandersheim, vom Hildesheimer Dom und unzähligen anderen Kirchen her kennen, ist eine nicht leicht zu entscheidende Frage. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht für eine Aufstellung in Kapellen, die man nach Durchbrechung der romanischen Seitenschiffwände als gotische Anbauten errichtete. Wenn man im Goslarer und Braunschweiger Dom, den benachbarten Kollegiatstiften, so verfuhr, weshalb sollte man nicht auch bei St. Cyriacus zur selben Lösung gegriffen haben, zumal vom Matthäus- und vom Quirinusaltar in Urkunden die Aufstellung "in capella" beiläufig bezeugt ist? Eine Stütze erfährt diese Vermutung vor allem dadurch, daß 1287 und in den Jahren danach eine Reihe von Ablaßbewilligungen seitens verschiedener Bischöfe erfolgte, die ausdrücklich für die Erhaltung und den Ausbau der Stiftskirche bestimmt waren (ad reparationes et structuras continuas) 13). Solche Ablässe waren damals die wichtigsten Finanzierungsquellen für Kirchenneubauten oder -erweiterungen. Wer im Mittelalter das Bußsakrament empfangen wollte, mußte bereit sein, als Sühne für seine Sünden umfangreiche Fastenübungen, Wallfahrten und sonstige schwere Bußwerke auf sich zu nehmen. Wollte oder konnte er das nicht, blieb ihm nur die Möglichkeit, durch Gewinnung von Ablässen diese ihm pflichtgemäß vom Beichtvater auferlegten Bußen zu kompensieren, indem er durch Geldopfer für einen von der Kirche vorgeschriebenen Zweck (Kreuzzugsunternehmen, Kirchenbau, Spitaleinrichtung) oder durch Mitarbeit in Form von Handlangerdiensten bei einem solchen Bau seine Sühne ableistete. Gerade zu Beginn der gotischen Bauperiode um die Mitte des 13. Jahrhunderts bemühten sich deshalb die Kloster und Stiftskapitel wie die Rektoren der städtischen Pfarrkirchen eifrig um solche Ablaßgewährungen, sei es beim eigenen Diözesanbischof, sei es bei auswärtigen Oberhirten. Auch durchreisende Bischöfe wurden gern um solche Ablaßbewilligungen angegangen. 14) Und da so ziemlich jeder Sünder diese Einrichtung der Kirche zur Ablösung der vorgeschriebenen Bußstrafen in Anspruch nahm, mögen für solche Bauvorhaben beträchtliche Summen zusammengekommen sein.

Durch die Anlage von "Kapellenkränzen" an die alten romanischen Bauten gewann man im Zeitalter der Gotik den dringend benötigten Platz für Seitenaltäre, die von begüterten Leuten, d. h. reichen Bürgern oder Angehörigen des Landadels, gelegentlich auch von Stiftsgeistlichen, errichtet und dotiert wurden. Die Motive für diese Altarstiftungen waren letzten Endes genau die gleichen wie bei den Klostergründungen der Grafen und Fürsten: die Sorge um das ewige Heil. Indem der Stifter nicht nur Aufbau und Ausstattung des Altars (Altarstein, gotischer Flügelschrein, Kreuz, Leuchter, u. U. auch Kelch und Meßbuch) aus eigenen Kosten bestritt, sondern diesen Altar auch dotierte, d. h. einen Vermögenswert in Form von mehreren Hufen Landbesitz oder einem bei einer geistlichen Behörde hinterlegten Kapital bereitstellte, um von dessen Erträgen bzw. Zinsen einen "Meßpriester" zu besolden, der die immerwährenden Memorien (Vigilien und Seelenmessen) für des Stifters Seelenheil las, reihte man sich in den mächtigen Gebetsstrom ein, der täglich zum Himmel emporstieg. Die Wahrnehmung dieser geistlichen Obliegenheiten ruhte auf den Stiftsvikaren oder auf eigens vom Stiftskapitel hierfür angestellten "Commendisten". Mitunter teilten sich auch mehrere Bürgerfamilien in die Unterhaltung eines Seitenaltars und seines Priesters, und sowohl in den Stiften und Klöstern wie in den städtischen Pfarrkirchen wuchs die Zahl der Altäre von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer weiter an. In der Cyriacuskirche wissen wir von folgenden Altarstiftungen:

Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß der bereits erwähnte Petrusaltar mit einer Rente von 2 Talenten und einer Kurie auf der Südseite des Cyriacusberges dotiert war, wozu später (15. Jahrh.) noch 3,5 Hufen in Thiede hinzukamen. Der Marienaltar in der Kreuzgangskapelle war von seinem Stifter Johannes von Alfeld 1312 mit 4 Hufen in Gr.Biewende und einem Hof im Oderwald ausgestattet worden, und zum Marienaltar " in medio Chori" gehörten 4 Hufen in Veitheim.

Von den liturgischen Geräten der Kirche sind außer der Cyriacusbüste noch mehrere Reliquiare erhalten, die vermutlich bei der Zerstörung 1545 von geflüchteten Stiftsanhörigen gerettet und später, als der protestantisch gewordene Teil des Kapitels im Blasiusstift ein Unterkommen gefunden hatte, dem dortigen Domschatz einverleibt wurden. Dieser Domschatz, seit dem 19. Jahrhundert unter dem Namen "Welfenschatz " bekannt, und heute (sehr reduziert) im Berlin-Charlottenburger Museum aufgestellt, enthielt zur Zeit seines Vollbestandes etwa 20 Stücke, die mit großer Wahrscheinlichkeit dem Kirchenschatz des Cyriacusstiftes zuzurechnen sein dürften 15). Das von drei Löwen getragene 34 cm hohe Standkreuz mit den beiden Symbolfiguren der Ecclesia und der Synagoga könnte durchaus jenes Kreuz sein, das auf dem Kreuzaltar postiert und an Festtagen von 14 Lichtern umstrahlt war, wie verschiedene Urkunden berichten. Es enthält neben anderen Reliquien eine Kreuzpartikel unter Kristallglas wie das Hildesheimer Bernwardskreuz. Dann sind 3 Armreliquiare mit großer Wahrscheinlichkeit dem Kultgerät des Stiftes zugehörig: ein silberner Arm mit den Brustbildern Jesu und der 12 Apostel, der um 1175 in Hildesheim angefertigt sein soll, sowie 2 hölzerne, teils vergoldete, teils bemalte Arme mit Reliquien der hl. Maria Magdalena und einem Armknochen eines der "10000 Krieger" der Thebaischen Legion, die im Jahre 300 im Kanton Wallis (Schweiz) den Märtyrertod erlitten haben sollen. Aus schriftlichen Berichten wissen wir ferner von einer Lichterkrone im Hochchor und verschiedenen Ampeln vor einzelnen Altären, für deren Versorgung mit Öl besondere Vermächtnisse von Stiftsgeistlichen bestanden. Daß eine Orgel vorhanden war, geht aus Abrechnungen für Organisten und Bälgetreter seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hervor.

Außer den beiden Stiftspatronen St. Cyricus und St. Quirinus wurden im späten Mittelalter noch die beiden Märtyrerbrüder Johannes und Paulus (320 unter Kaiser Julian Apostata enthauptet) als Kirchenpatrone verehrt, sowie die hl. Helena und der hl. Hermes, wie aus Ablaßbriefen von 1451 bis 1509 hervorgeht. Am Johannes- und Paulustage, dem 26. Juni, wurde seit dem 12. Jahrhundert nachweislich das Kirchweihfest gefeiert.

Güterbesitz, Renten- und Zinseinnahmen

Dom- und Kollegiatstifte zählten neben einigen reichen Klöstern im Mittelalter zu den größten Grundbesitzern, und unter den geistlichen Grundherrschaften Ostfalens rangierten die beiden Braunschweiger Stifte hinsichtlich des Umfanges ihrer Ländereien nach dem Ludgerikloster in Helmstdt und dem Goslarer Domstift gleich an dritter und vierter Stelle. 14) In dem ältesten erhaltenen Güterverzeichnis des Cyriacusstiftes, das zwischen 1219 und 1225 zusammengestellt und von Heinrichs des Löwen Sohn, dem Pfalzgrafen bei Rhein und Herzog von Sachsen Heinrich,bestätigt wurde, werden 220 Hufen in 85 Orten als Kapitelsgut aufgezählt, wobei man die Hufe im damaligen Braunschweiger Gebiet mit 28 - 32 Morgen veranschlagen muß. Aus diesem Besitz flössen dem Stifte außer jährlich rund 500 Solidi (1 Solidus = 1/20 Pfund Silber) mehr als 100 Scheffel Getreide zu (1 Scheffel = 4 Ztr.), ferner aus über 20 Orten Naturallieferungen an Honig oder Zahlungen von "Huneckpennighen" (Honigpfennigen) , Fleischzehnten und sonstige Naturalien. Dazu kamen noch weitere 120 Hufen Propsteigut, 9 Hufen, die zur Dechanei gehörten und 8 Hufen, aus denen der Kustos oder Thesaurar seine Einkünfte zog. Mindestens 100 Hufen davon lagen im Darlingau, dem Raum der alten brunonischen Hausgüter und gehörten somit zur ersten Grundausstattung des Stiftes durch die beiden Markgrafen Ekbert. Weitere Erwerbungen im Laufe der folgenden Jahrhunderte, insbesondere die erwähnte Dotierung von Seitenaltären durch verschiedene Ritter und Bürger,rundeten den stiftischen Landbesitz ab, so daß dieser am Ende des Mittelalters 540 Hufen betrug, was einem Areal von 3700 bis 4000 ha entspricht, das auf über 100 Orte verteilt war. Natürlich war dieser Besitz mannigfachen Veränderungen und Korrekturen unterworfen. In Kriegs- und Notzeiten wurde manches Stück veräußert, in Zeiten des Wohlstandes wiederum soundsoviel Hufen hinzuerworben. Auch kamen des öfteren Tauschaktionen zwischen geistlichen und weltlichen Grundeigentümern vor, wenn es galt, Arrondierungen (Abrundungen) vorzunehmen und ein unbequem weit vom Stift abliegendes Stück Land gegen ein günstiger gelegenes einzutauschen. Ein interessantes Beispiel bietet in diesem Zusammenhang die Erwerbung des Dorfes Benstorf (Bennestorp) im Landkreis Hameln-Pyrmont durch das Cyriacusstift. Durch Hergabe eines Darlehens an den Ritter Balduin von Campe erhielt das Stift als Pfand das Verfügungsrecht über sämtliche Hufen und Höfe des Dorfes samt dem Patronatsrecht über die dortige Kirche. Weil der Ritter das Geld nicht zurückzahlen konnte, sondern im Gegenteil auch noch auf das ihm zustehende Vogteirecht verzichtete und dieses in die Hände des Herzogs resignierte, übertrug dieser 1226 auch das an sich weltliche Recht der Advokatie auf das Stift, das dann seinerseits die Vogteirechte wahrnahm. Da jedoch die geistlichen Herren die ihnen verliehene Schutzherrschaft nicht faktisch auszuüben vermochten, war das Kapitel schon 6 Jahre nach dieser vogteilichen Verselbständigung genötigt, zur Abwehr räuberischer Überfälle das Dorf mit allen Einwohnern unter den Schutz des Grafen Hermann von Wohldenberg zu stellen, der jedoch verpflichtet wurde, sich keinerlei Sonderrechte über das Stiftsgut von 34 Hufen anzumaßen und bei der Ausübung der Vogteigerichtsbarkeit als Beisitzer den Vicedominus des Stiftes, einen Kanonikus, neben sich zu dulden. Dieser war dann auch berechtigt, die Gerichtsgefälle zugunsten des Stiftes einzuziehen, während der Graf selbst in Form von bestimmten Frondiensten der Bauern entschädigt wurde. Doch bereits um 1235 vertauschte das Stift diesen fast nur Sorgen bereitenden, allzu entfernten Besitz gegen näher gelegene Grundstücke. 80 Jahre später erwarb das Kapitel von den Herzögen Albrecht und Otto von Braunschweig-Lüneburg für 220 Mark Vogtei und Gericht über das nahegelegene Vallstedt, wo das Stift einen Hof und 23,5 Hufen seit längerer Zeit besaß (1317).

Daß die geistlichen Grundherren, die ja ein Kollegium waren, es nicht immer leicht hatten, sich gegen mancherlei Übergriffe einer raublustigen, gewalttätigen Ritterschaft zu behaupten, geht aus einer Reihe von päpstlichen Urkunden hervor, worin verschiedene Bischöfe und benachbarte Äbte beauftragt werden, dem Cyriacusstift bei der Verteidigung seiner Rechte beizustehen und mit geistlichen Strafen wie Bann und Interdikt gegen die Übeltäter einzuschreiten.

Im einzelnen verteilte sich der Grundbesitz des Stiftes auf folgende Orte (wobei die heutige Kreiseinteilung zugrundegelegt wird):

a) Braunschweig und Umgebung
27 Gärten vor dem Michaelistor, 4 Hufen um den Cyriacusberg, die Mühle bei Eisenbüttel und eine zugehörige Hufe (an der heutigen Eisenbütteler Straße gelegen) sowie das Gebiet um die ehemalige Brunonenburg Hogeworth. In folgenden Dörfern verfügte das Stift über 1 bis 5 Hufen: Brunsrode, Bettmar, GroßGleidingen, Beddingen, Rüningen, Timmerlah, Rautheim, Veltheim a. d. O., Sickte, Wendeburg, Wähle, Sonnenberg und Vallstedt, wo es 23,5 Hufen und die Vogtei besaß. Ferner gab es noch in vier inzwischen wüst gewordenen Dörfern Besitzanteile von 1/2 Hufe bis 3 1/2 Hufen: Honrode (bei Veltenhof), Münstedt (westlich von Braunschweig), Rithausen (bei Stöckheim) und Tide (bei Harvesse).
b) Wolfenbüttler Kreis
Grundbesitz zwischen 1 bis 8 Hufen in: Ahlum, Apelnstedt, Atzum, Barnsdorf, Gr,Biewende, Broistedt, Cramme, Fümmelse, Gilzum, Halchter, Hedeper, Heerte , Remlingen, Rocklum, Salzdahlum, Sambleben, Semmenstedt, Schöppenstedt, Timmern, Uehrde, Volzum, Watzuni, Weferlingen, Wendessen und in den Wüstungen Bistorf (bei Barnstorf), Bungenstedt (bei Halchter), Holtorf (bei Sambleben), Gr.- Rode (im Elm, heute Revierförsterei), Sunthe (bei Watzum), Twelken (bei Schöppenstedt) und Westerem (bei Atzum). Gewisse Bedeutung gewann seit 1430 das Dorf Adersheim für das Stift. Das Kapitel hatte durch ein größeres Darlehen an die Familie derer zu Salder den Burghof, 14 Hufen und 4 Kothöfe als Pfand erhalten. Für 1100 Gulden wurden weitere 3,5 Hufen von den Edlen von Dorstadt erworben, 1488 von den Rittern von Velstidde ein Meierhof mit 4 Hufen, eine Schäferei und ein weiterer Kothof erpfändet. Infolge der Nichtzurückzahlung der Pfandsummen verblieb dieser Adersheimer Besitz dem Stift bis zu dessen Auflösung.
c) Helmstedter Kreis und weiter östlich gelegene Gebiete
Hier schwankte der Stiftsbesitz zwischen 1/2 und 13 Hufen in folgenden Dörfern: Alversdorf, Beierstedt, Groß- und Klein Büddenstedt, Jerxheim, Lelm, Runstedt, Twieflingen, Watenstedt, Wobek und dem jetzt wüsten Ort Nienstedt (bei Ingeleben). Im Kreis Haldensieben waren die ebenfalls nicht mehr bestehenden Dörfer Volkersdorf und Twelven (bei Marienborn), im Kreis Oschersleben die Wüstung Neindorf (bei Aspenstedt), im Kreis Halber Stadt die gleichfalls wüsten Ergstedt (bei Langenstein) und Glüsingen (bei Vogelsdorf) mit jeweils 1 bis 5 Hufen im Areal vertreten.
d) Gifhorner Kreis
2 bis 7 Hufen in Ahnsen, Allersehl, Hattorf, Groß- und Klein Heiligendorf (hier 6 und 3 Hufen Dekaneigut), Hülperode und Wettmershagen.
e) Im Gebiet des heutigen Landkreises Peine besaß das Stift in Ilsede, Ölsburg, Soßmar und Woltorf einige Hufen, im Kreis Hildesheim/Marienburg in Feldbergen, Garmissen und Kemme, im Kreis Alfeld in Duingen.
f) Das vom Kapitelsgut gesondert gezählte Propsteigut war außer in etwa 10 bereits genannten Orten verteilt in Adenstedt, Allum, Böckelse, Broitzem, Großburgwedel, Eitzum, Equord, Gifhorn, Hehlingen, Hesekestorp, Ingeleben, Köchingen, Lehndorf, Morse, Münstedt, Oberg, Seinstedt, Söllingen, Üfingen, Wendeburg und Wienhausen.

Bewirtschaftet wurden alle diese Äcker oder Wiesen von hörigen Bauern, die unter "Latenrecht" standen. 17) Sie hatten bestimmte Abgaben an das Stift zu entrichten und unterstanden in dieser Hinsicht dem Vicedominus oder Ridemeister, einem Kanonikus, dem die Verwaltung des gesamten Stiftsgutes mit Ausnahme der propsteieigenen Güter anvertraut war. Überwachung und Kontrolle der Zinsabgaben oblag den Kornschreibern (Camerarii), der Zins selbst bestand in Getreide, Honig, Flachs, Federvieh und Lämmern. In vielen Fällen war von den Bauern auch ein (meist mäßig bemessener) Geldzins in Solidi, Denaren oder Pfennigen zu entrichten (1 Solidus = 12 Denare oder Pfennige). Gegen Ende des Mittelalters wurde das für die Bauern günstigere Latenrecht durch das Meierrecht abgelöst, das in verschiedener Hinsicht dem Grundherren größere Vorteile gewährte. 18)

Die Stiftsgeistlichkeit

An der Spitze eines Kollegiatstiftes stand stets ein Propst, der dem Prälatenstand angehörte und der juristische Vertreter der Stiftsgemeinschaft nach außen hin war. Er besaß die "potestas jurisdictionis" in Gesetzgebung, Rechtssprechung und Verwaltung, sowie die "potestas magisterii" soweit sie Angelegenheiten des Stiftes betraf. Ihm oblag die Investition der Dignitäre und Kanoniker, die Belehnung des Stiftsvogtes, die Verhandlungen mit der römischen Kurie, mit Bischöfen, Äbten und anderen Prälaten wie mit weltlichen Herren. Da er auch an Synoden und Landtagen teilzunehmen hatte, sich daher oft auswärts befand, hatte er im Stift seinen ständigen Vertreter in der Person des Succentors oder eines Vikars, der seine geistlichen Obliegenheiten innerhalb des Stiftes wahrzunehmen hatte. Er hatte das Wohnrecht in der Propstei und seine besonderen Einkünfte aus den Propsteigütern.

Eine selbständige Körperschaft bildete das aus 12 Kanonikern bestehende Stiftskapitel, das nur in der ersten Zeit nach der Gründung der Braunschweiger Stifte dem Propst unterstand, seit etwa 1190 jedoch eine relativ unabhängige Korporation bildete. Ursprünglich glich das Leben der Kanoniker an Kathedralen und Stiftskirchen sehr dem der Mönche, solange diese "Regularkleriker" nach der Regel des hl. Chrodegang von Metz (+ 766) in klösterlicher Gemeinschaft lebten, d. h. mit gemeinsamen Mahlzeiten im Refektorium und gemeinsamer Nachtruhe im Dormitorium. Wir finden daher auch bei allen Dom- und Kollegiatstiften die um einen Klosterhof mit Kreuzgang gruppierten Klausurgebäude. Doch bereits im 11. Jahrhundert übernahm man die Wohnweise der Eremitenorden (z. B. Karthäuser) mit Einzelzellen entlang der Klostermauer, die so recht zum kontemplativen, asketisch bestimmten Dasein geeignet waren. Aber an die Stelle der schlichten Zellen traten bei den Kanonikerstiften bald aufwendigere Gebäude, eben die Kanonikalkurien, worin der Inhaber sich selbst verpflegen, seinen Studien obliegen und Besuche von Verwandten und Freunden empfangen durfte. Wichtigtste Verpflichtung der Kanoniker war die Teilnahme am täglichen Chorgebet (Mette, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Complet) und an der Konventsmesse. Für diesen Chordienst erhielten sie die "Präsenzgelder", eine Zuteilung gewisser Summen aus den Erträgen der Stiftsgüter 19) ,und jedem dieser Kleriker stand selbstverständlich ein bestimmter Anteil an den Naturalien zu, die von dort geliefert wurden. In den Braunschweiger Stiften, wie übrigens auch in anderen eigenkirchlichen Instituten, konnte niemand Propst werden oder in eine Kanonikatsstelle einrücken, der nicht ausdrücklich von den Patronatsinhabern "präsentiert" worden war. Die Welfenherzöge legten größten Wert darauf, dieses Präsentationsrecht sich nicht schmälern zu lassen, und als infolge der fortlaufenden Erbteilungen das Herzogshaus in mehrere Linien zerfiel, als es eine Wolfenbütteler, eine Lüneburger, Celler, Grubenhagener, Göttinger und Calenberger Linie gab, da mußte ein ausgeklügelter Verteilerschlüssel ausgearbeitet werden, in welcher Reihenfolge diese oder jene Kanonikatsstelle von den einzelnen Linien zu besetzen war.

Der Vorsitzende des Stiftskapitels war der Dekan, der aus der Reihe der Kanoniker von diesen selbst gewählt wurde. Der Patron hatte auf diesen Wahlakt keinen unmittelbaren Einfluß, und bestätigt wurde der Dekan vom zuständigen Bischof, was auf seine vorwiegend geistliche Funktion hinweist. Er hatte die inneren Angelegenheiten des Stiftes einschließlich der Gottesdienstordnung zu bestimmen und war für Ordnung und Disziplin bei Kanonikern, Vikaren und den im Stift beschäftigten Laien (Handwerker und Dienstpersonal) verantwortlich. Innerhalb des Stiftes war jeder ihm gegenüber zum Gehorsam verpflichtet und seiner Gerichtsbarkeit unterstellt, und soweit seine Anordnungen den Gottesdienst betrafen, hatte sich ihm sogar der Propst zu fügen. Bei solchen Kirchen, über die das Cyriacusstift das Patronat auszuüben hatte, wie bei der Braunschweiger St. Petrikirche, bei den Kirchen in Benstorf (hier nur zeitweise / s, o. S. 24), Heiligendorf oder Vallstedt, stand ihm die Einführung und Überwachung des Pfarrers zu. Wichtige Urkunden unterzeichnete er als zweitberechtigter hinter dem Propst. Anordnungen, die vom Kapitel ausgingen, begannen mit den Worten: "Dekan und Kapitel des Stiftes St. Cyriaci bestimmen, daß .... "

Nächst der herausgehobenen Stellung des Dekans gab es noch zwei weitere Dignitäre, die vom Kapitel gewählt und stets mit Kanonikern besetzt werden mußten: der Kustos oder Thesaurar und der Vizedominus oder Ridemeister. Ersterer war für das Vermögen des Stiftes verantwortlich, das einmal aus den kostbaren liturgischen Geräten bestand, die gepflegt, vervollkommnet und vermehrt werden wollten, dann aus den einlaufenden Kapitalien für alle möglichen geistlichen Verrichtungen und nicht zuletzt aus den Ablaßgeldern, die für die "fabrica" d. h. für die Bauhütte des Stiftes eingingen. Wie schon der Name sagt, war der Thesaurar der Finanzverwalter, und die Zahlungsanweisungen, die von ihm ausgingen, lauteten: "uthe unserer kerken Thesaurarie ampte ...." Für die bauliche Instandhaltung und Verbesserung der Stiftsgebäude war ursprünglich der Propst zuständig, doch seit dem 14. Jahrhundert übernahm das Kapitel diese Aufgabe, vor allem seit der Zeit der Erweiterung der Kirche (s. o. S. 19 ). Die Tätigkeit des Vizedominus bestand darin, die Ländereien, Höfe und Gehölze des Stiftes zu inspizieren und evtl. zu vergeben oder einzuziehen, die Renten, Zinse, Zehnten und Vogteigelder zu vereinnahmen und an die empfangsberechtigten Kanoniker die Präsenzgelder und Naturalzuteilungen auszugeben, sowie die Vikare und sonstige aus dem Ertrag der Ländereien zu entlohnende Leute zu bezahlen.

Die mittelalterlichen Kanoniker kann man nicht ohne weiteres mit dem heute geltenden Bild eines solchen Kirchenmannes identifizieren. Man muß berücksichtigen, daß diese Stellen vornehmlich als Versorgungseinrichtung für Ritter- und Ministerialensöhne dienten, wenn dies auch nicht im Sinn des ursprünglichen Zweckes solcher Klerikervereinigungen lag. Oft fielen die Kanonikate dank der manchmal sehr persönlichen Entscheidung der Patrone und so mancher Hofintrigen sehr jungen Leuten zu, die noch die Stiftsschule besuchten und auf die der "rector scolarum" laut seiner Dienstanweisung besonders acht zu haben hatte. Auch erstrebten durchaus nicht alle Kanoniker den Stand des geweihten Priesters. Den meisten genügte die Subdiakonatsweihe, um als Angehörige des Klerikerstandes in den Genuß einer Pfründe zu kommen und an den gesellschaftlichen Vorteilen zu partizipieren, die ihnen das geistliche Recht gewährte. 20) Hatten sie die Subdiakonatsweihe empfangen, durften sie am Chordienst teilnehmen und die für sie vorausbestimmte Kurie beziehen. Falls Sie Lust hatten zu studieren, erhielten sie laut Stiftssatzung einen dreijährigen Urlaub, während dem sie im vollen Genuß ihrer Präbende blieben. Nur falls sie diese dreijährige Frist ohne Erlaubnis des Dechanten wesentlich überschritten, wurde ihnen ein Teil ihrer Einnahmen entzogen. Dasselbe geschah, wenn ein Kanonikus gleichzeitig an mehreren Stiften ein Kanonikat bekleidete, was besonders im späten Mittelalter sehr häufig vorkam. Dann entfielen für ihn die Präsenzgelder dort, wo er nicht anwesend war, doch alle übrigen Einnahmen mußten ihm in barer Münze oder über Verrechnungsstellen überwiesen werden. (So nur ist die berüchtigte "Pfründenjägerei" mancher Kleriker zu verstehen.) Diese geistlichen Herren übernahmen im Dienste ihres fürstlichen Patrons mannigfache politische Aufgaben als Kanzler, Notare, Hofkapläne, auch als Ärzte oder Pädagogen, oder sie beteiligten sich als Vermittler, Unterhändler oder als Juristen an den Streitfällen ihrer adligen Verwandten, denn 80% - 90% von ihnen gehörten dem Landadel an, und relativ selten gelangte ein Bürgerlicher in den Genuß einer Kanonikerpfründe. Den Nichtadligen blieben die Stellen der Vikare und Commendisten vorbehalten.

Die Vikare, die zumeist vom Stiftskapitel, zum Teil aber auch vom Herzogshause direkt berufen wurden, hatten zweierlei Verpflichtungen: einmal mußten sie die Kapitulare beim Chordienst vertreten, wenn diese verhindert waren. Vor allem aber hatten sie als geweihte Priester die vielen Meßopfer darzubringen, die sich aus den mannigfachen Stiftungen ergaben. Sie waren es im wesentlichen, die tagaus tagein die solennen wie die ferialen Gottesdienste zu zelebrieren hatten und als Diakon und Subdiakon am Altare dienten, wenn ein priesterlicher Kanonikus das Amt hielt. Als im späten Mittelalter die Zahl der 12 - 16 Vikare nicht mehr zur Bewältigung der vielen Meßverpflichtungen ausreichte, wurden aus der Stadt sogenannte "Commendisten" bestellt, einfache, meist unstudierte Leute, die aber zu Priestern geweiht waren, um die von vielen Stiften fundierten Messen an den dafür vorgesehenen Seitenaltären zu lesen. Im Gegensatz zu den Vikaren hatten sie kein Wohnrecht im Stift und auch kein festes Einkommen, sondern sie wurden von Fall zu Fall zum Messelesen in den Stift- sund Pfarrkirchen herangezogen.

An Hochfesten, besonders am Fronleichnamstage und bei den großen Stadtprozessionen mit dem kostbaren Sarg des Stadtpatrons St. Auktor, kam der gesamte Klerus Braunschweigs zusammen und versammelte sich im Cyriacusstift, um von dort aus die Prozession zu beginnen. Der Auktorschrein wurde vorher auf einem Prunkschiff auf der Oker von St. Ägidien herübergebracht, begleitet vom Ägidienabt und dem ganzen Konvent, vom Blasiusdom her kam die Dom-und Stadtgeistlichkeit mit ihren kostbaren Reliquiaren, und nach einem festlichen Amt begann der feierliche Umgang außen um die Stadtmauern herum, bis er nach 3 - 4 Stunden in der St. Ägidienkirche oder im Blasiusdom endete. Solche mit viel Schaugepränge, mit Gesang und Musik gegangenen religiösen Feiern waren im Mittelalter sehr beliebt. Die Frömmigkeit der Bürger und Gemeinen erhielt kräftige Nahrung, man fühlte sich irgendwie geborgen im Abglanz des Göttlichen, und von wem sollte man mehr Hilfe für die Stadt erwarten als von ihren heiligen Schutzpatronen, den heiligen Aposteln und Nothelfern?

Zerstörung des Stiftes im Jahre 1545

Das alles nahm ein jähes Ende mit der Einführung der Reformation, die jedem Heiligenkult und vor allem jeder Reliquienverehrung gründlich abhold war. Seelenmessen und Prozessionen mit dem Sanctissimum oder mit Heiligenschreinen galten nun als gotteslästerliche Dinge, und alle Prälaten und "Meßpfaffen", die nicht predigten, die also die wichtigste Pflicht eines Geistlichen, die Verkündigung des göttlichen Wortes, unterließen, wurden scheel angesehen. In der neuen Ordnung der von "Mißbräuchen" gereinigten Religion war für solche Einrichtungen wie Klöster oder Kollegiatstifte eigentlich kein religiös vertretbarer Wirkungsraum mehr vorhanden. (Daß die Landesfürsten den Fortbestand der Stifte später trotzdem durchsetzten, steht auf einem anderen Blatt und hat seine Gründe in rein politischem Kalkül der Territorialherren.) Zunächst jedenfalls stand es um den Fortbestand der beiden Braunschweiger Stifte nach 1528, als sich die Stadtväter für die Annahme des Luthertums entschieden und Johannes Bugenhagen seine neue Kirchenordnung herausbrachte, denkbar schlecht. Denn zu dem religiösen Gegensatz gesellte sich noch ein politischer, der zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen der Standt und dem Landesfürsten, Herzog Heinrich dem Jüngeren, führte. Wie nicht anders zu erwarten, hielten die Stiftsherren sowohl von St. Blasius wie von St. Cyriacus zu ihrem Patron, von dem sie ja in vielfältiger Hinsicht abhängig waren, und dieser blieb Zeit seines Lebens ein eifriger Verfechter der alten Lehre, weniger aus frommer Gesinnung, als vielmehr aus politischen Erwägungen, die ihn an die Seite Kaiser Karls V. banden. 1542 mußte Herzog Heinrich d. J. vor seinen protestantischen Gegnern, dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und dem Landgrafen Phillipp von Hessen, außer Landes fliehen. Als er ein Heer zur Wiedergewinnung seines Herzogtums sammelte und die Möglichkeit einer Belagerung Braunschweigs durch den Herzog am Horizont auftauchte, erlaubten sich Rat und Bürger der Stadt ein Exempel sinnloser Barbarei, wodurch das altehrwürdige Stift "uppe dem berch" in brutalster Weise zerstört wurde.

Noch war der Herzog außerhalb der Landesgrenzen und die Aussicht auf eine Belagerung noch lange nicht gegeben, da sandte der Rat der Stadt an einem Septembertage den Marktmeister Diederich Krossen auf den Stiftsberg, er sollte von Haus zu Haus gehen und verkünden, daß binnen kurzem die Türme der Kirche von der Stadtbefestigung aus zusammengeschossen würden, damit der Herzog nicht auf ihnen einen Beobachtungsstand beziehen und auf dem Stiftsberg grobes Geschütz aufstellen könnte, um die Stadt von dorther zu beschießen. Kaum war der Bote zurück, da begannen auch schon die Geschütze auf der Stadtmauer loszudonnern, trafen aber nicht die Türme, sondern das Schlafhaus der Chorschüler und das Kornhaus. Dadurch aufs heftigste erschrocken, sandten die Kanoniker zwei ihrer angesehensten Mitglieder gegen Abend auf die "Münzschmiede" am Kohlmarkt, wo der Rat versammelt war. Sie ließen den ersten Bürgermeister Cord von Damme herausbitten und stellten ihm vor, doch um Gotteswillen zu verfügen, daß die Kirche verschont bleibe; sie hätten auch ihre sämtlichen Kleinodien, Siegel und Briefe im Klausurgebäude und dürften diese ohne Erlaubnis ihrer Patrone (der Herzöge) 21) weder erbrechen noch entfernen. Der Bürgermeister antwortete ausweichend, er hönne für nichts garantieren und ließ sie stehen, indeß er in die Ratsstube zurückging.

Am folgenden Morgen ließ der Rat dem Hauptmann Lüddeke Harmens den Befehl zugehen, er möge mit seinen Dienern auf den Cyriacus-Berg reiten und alles niederbrennen. Dieser aber weigerte sich mit der Begründung, er habe so oft mit guten Freunden aus dem Stift dort zusammengesessen und in fröhlicher Runde die Becher kreisen lassen, daß er es nicht übers Herz brächte, einen solchen Befehl auszuführen; lieber wolle er seinen Dienst quittieren» Daraufhin schickte der Rat den Vogt Buschmann und den bereits erwähnten Marktmeister Krossen mit einigen Knechten und mit "Feuer und Pulver" hinaus, um das Zerstörungswerk zu beginnen. An der Kirche begegneten sie etlichen Gottesdienstbesuchern, denen sie zuriefen: "Macht euch von hinnen, wir wollen diesen Ort verbrennen!" Die Leute liefen eiligst zur Stadt hinüber, wo sich auf dem Rondell neben dem Michaelistor schon die Herren des Rates versammelt hatten, um dem zu erwartenden Feuer genüßlich zuzusehen. Plötzlich stürmten mehrere Bürger herbei und baten flehentlich, den Brand nicht aufkommen zu lassen, denn durch den augenblicklichen Südwestwind drohe die Gefahr, daß das Feuer auf die Stadt übergreife. Daraufhin wurden Vogt und Marktmeister für diesmal zurückbeordert.

Doch die Zerstörung des Stiftes war nun einmal beschlossene Sache, und es fanden sich am nächsten Tage auch genügend viele Helfer für dieses verantwortungslose Vorhaben. Lange genug hatten ja die Prädikanten von den Kanzeln der Braunschweiger Stadtkirchen gegen den "gruweliken Misbruk" 22) gewettert, der in den Kollegiatkirchen noch immer betrieben werde, wo man der "papistischen Abgötterei" des Messelesens und der "Anbetung von Knochen toter Menschen", wie man die Reliquien jetzt nannte, noch immer nicht entsagt habe. Etwa 10Ö0 Personen, Gemeine aus der Stadt und Leute aus den umliegenden Dörfern, zogen nach zuverlässigen Berichten mit Beilen und Spitzhacken auf den Berg, wo sie alsbald mit dem Niederreißen der Häuser begannen. Die wehrlosen Stiftsgeistlichen ergriffen die Flucht und suchten bei Verwandten und Freunden weit außerhalb Zuflucht. Für die sachgerechte Zerstörung der Kirche sandte der Rat eine Kolonne Maurer und Steinhauer hinaus, um das Turmhaus im unteren Stockwerk auszuhauen und die Pfeiler des Langhauses so zu beschädigen, daß man mit Hilfe einiger Pulverladungen den ganzen Bau zum Einsturz bringen konnte. Am 18. September sank der stolze, 500 Jahre alte Sakralbau in Trümmer, und die Stadt war für alle Zeit eines ihrer hervorragendsten Kulturdenkmäler beraubt. Daß der Pöpel allerei unersetzliche Dokumente dabei vernichtete und den größten Teil der kirchlichen wie der privaten Güter und Kleinodien wegschleppte, kümmerte in dieser Situation den Rat wenig. Erst viel später, als die Gefühle des Hasses sich gelegt hatten, versuchte man das eine oder andere Stück zurückzugewinnen und im (inzwischen protestantisch gewordenen) Blasiusstift unterzubringen. Jene Kanoniker, die sich zum Protestantismus bekennen wollten, hatten seit 1553 dort ein Unterkommen gefunden. Noch bildeten sie ein selbständiges, später auf sechs Kanoniker reduziertes, eigenes Kapitel und durften ihre Kapitelsitzungen in der Johanneskapelle des Domkreuzganges abhalten, wo sie auch ihr Archiv einrichteten. Die Dignitäten des Propstes und des Dekans wurden weiterhin von den Herzögen besetzt, meistens mit Hofbeamten, herzoglichen Räten und hin und wieder mit Angehörigen des Welfenhauses, bis 1803 die endgültige Säkularisierung des Stiftes erfolgte und der Güterbesitz desselben mit den Staatsdomänen vereinigt wurde.

Die Zerstörungstat von 1545 hatte für die Stadt freilich noch ein 130 Jahre währendes, gerichtliches Nachspiel. Herzog Heinrich d. J. hatte nach Rückgewinnung seines Herzogtums das Kapitel des Stiftes veranlaßt, sich klagend an Kaiser Karl V. zu wenden und die Wiederherstellung der zerstörten Gebäude zu fordern, und dieser hatte mit Datum vom 29. Oktober auch ein scharfes "Mandatum de restituendo" der Stadt zugehen lassen, worin der restlose Wiederaufbau des Stiftes befohlen wurde.Doch wie die politischen Verhältnisse damals lagen, bot die Stadt dem Befehle Trotz. Der kaiserliche Kammerbote Christoph Finger wurde vom Rat geradezu genasführt, indem er von einigen Ratsmitgliedern auf die Münzschmiede bestellt wurde, während der Rat in Wirklichkeit im Neustadtrathaus tagte. Als er sich dorthin durchgefragt hatte, nahm man aus seinen Händen das kaiserliche Mandat zwar zur Kenntnis, doch als er entsprechend seinem Auftrag dieses Mandat an den Rathäusern und den öffentlichen Plätzen anzuschlagen versuchte, wurde er vom Pöbel daran gehindert, beschimpft und bedroht, so daß er schleunigst die Stadt verließ.

Beim Reichskammergericht in Speyer zog sich der Prozeß immer länger hin, und obwohl die Stadt schließlich zu einer Schadenersatzzahlung von 20000 Gulden verurteilt wurde, legte sie gegen dieses Urteil immer wieder Berufung ein und zahlte keinen Pfennig. Wem hätte sie diese Summe auch zahlen sollen? Dem Herzogshaus als dem einstigen Eigentümer? Mit diesem befand sie sich damals in einem dauernden Fehdezustand. Außerdem verfügte der jeweilige Braunschweig-Wolfenbütteler Herzog sowieso über die Stiftsgüter in der Form, daß er aus den Erträgen derselben Räte und Minister honorierte, indem er ihnen Kanonikatsstellen zuwies. Am Wiederaufbau eines Kollegiatstiftes im Sinne der brunonischen Gründer konnte obendrein weder das protestantische Welfenhaus noch die Stadt Braunschweig ein ernstliches Interesse haben. So wurde denn nach der Eroberung der Stadt durch die vereinigten Welfenherzöge im Jahre 1671 im Zuge der nun folgenden Finanzregelungen zwischen Herzog Rudolf August und der besiegten Stadt endlich 1676 der ganze Prozeß niedergeschlagen und das Cyriacus Stift blieb ein mehr und mehr zusammensinkender und sich allmählich einebnender Trümmerhaufe.

Linkes Bild: Siegel des Cyriacusstiftes an einer-Urkunde von 1316
Rechtes Bild: Nachzeichnung des Großen Siegels des Cyriacuskapitels von 1234 (Zeichnung 18. Jahrhundert)

Anmerkungen

1) In der 1492 in Mainz gedruckten "Chronecke der Sassen" des Braunschweiger Bürgers Konrad Botho heißt es im Hinblick auf Ekbert II. : "So hadde syn vader, de olde Eggebrecht, begunt to buwen eyne kerken, van stunt an starff he unde wart darin begraven. Do kam de junge Eggebrecht unde buwede de kerken vullen rede in de ere sunte Ciriacus, unde des hiligen crützes, unde het upp dem bärge vor Brunswick". - Diese sicher aus sehr alten Quellen übernommene Nachricht wurde aber von dem sogen. "Reimchronisten", der um 1290 schrieb, in Zweifel gezogen, weil in den Memorienbüchern beider Braunschweiger Stifte nur das Gedächtnis Ekberts II. im Juli ausgeführt war, und auf diesen Chronisten gestützt, findet man bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder die (vermutlich unrichtige) Behauptung, Ekbert II. sei der alleinige Gründer.

2) Ausführliche Begründung dieser Ansicht bei Ernst Döll, die Kollegiatstifte St. Blasius und St. Cyriacus zu Braunschweig. Brschwg. 1967 als Band 16 der "Braunschweiger Werkstücke" veröffentlicht.

3) Unter "Wik" verstand man im Mittelalter einen Handelsplatz, der an einem schiffbaren Fluß gelegen war und einen mehr oder weniger großen Hafen aufwies, so daß die Beförderung der Güter auf dem Wasserwege möglich war. Vergl. Theodor Müller, Schiffahrt und Flößerei im Flußgebiet der Oker, Brschwg. 1968, Bd. 39 der "Braunschweiger Werkst."

4) So heißt es z. B. in der Fundationsurkunde Kaiser Lothars III. von 1134 über die Gründung des Ägidienklosters durch Gertrud (II.) " .... qualiter Gertrudis marchionissa, filia Ekberti marchionis, monasterium Deo et sanctae Dei genetrici Mariae in loco Bruneswick aedificavit ..." Ähnliche Wendungen findet man in zahlreichen anderen Gründungsurkunden.

5) Gestiftet wurde dieses nachmals sehr berühmte Kloster von Heinrich von Nordheim (auch Heinrich der Fette genannt), dem zweiten Gemahl der erwähnten Gertrud (II.), unter deren tatkräftiger Mitwirkung.

6) Diese Gerichtsbarkeit bezog sich jedoch nur auf die Leibeigenen und die hörigen Bauern, nicht auf die Kleriker. Diese unterstanden der geistlichen Gerichtsbarkeit des Bischofs bzw. des Archidiakons.

7) Gisela, Tochter des Herzog Hermann von Schwaben, war in 1. Ehe vermählt mit dem Braunschweiger Grafen Bruno (Sohn aus dieser Ehe Liudolf), in 2. Ehe mit Herzog Ernst I. von Schwaben, in 3. Ehe mit dem Salier Konrad, dem späteren Kaiser (Sohn aus dieser Ehe Heinrich III.).

8) Widerad beanspruchte im Goslarer Dom als reichsfreier Abt den Ehrensitz rechts neben dem Erzbischof von Mainz, der ihm von Hezilo als dem zuständigen Diözesanbischof streitig gemacht wurde. Die im Chor ausgetragenen skandalösen Auseinandersetzungen forderten mehrere Tote und Verwundete. Bischof Hezilo belegte nach Beilegung des Streites die Fuldaer "Frevler" mit dem Kirchenbann.

9) So u. a. in der Neuen Deutschen Biographie Band 4, Seite 428.

10) In dieser Schlacht am 15. Okt. 1080 wurde Rudolf die rechte Hand abgehauen, worauf er gesagt haben soll: "Dies ist die Hand, mit der ich meinem König (Heinrich IV.) die Treue gelobt habe. " Am Tage darauf starb er an seinen Verletzungen und ist im Merseburger Dom begraben.

11) Unter Nikolaikirche ist hier die alte Kirche dieses Namens unmittelbar am Braunschweiger Wikhafen gemeint (heute steht das Haus C & A Brenninkmeyer an der Stelle), nicht die 1712 erbaute katholische Nikolaikirche am Sandweg.

12) Es ist der heute vor dem Hochchor stehende Domaltar.

13) Diese Redewendung erscheint zuerst in einem Ablaßbrief, den 20 Bischöfe ausstellten, die im Frühjahr 1287 zur Deutschen Synode in Würzburg versammelt waren.

14) Solche von fremden Bischöfen gewährten Ablässe bedurften aber, um gültig zu sein, der ausdrücklichen Genehmigung des Diözesanbischofs.

15) Vergl. "Der Welfenschatz" von O. v. Falke, R. Schmidt und G. Swarzenski, Frankfurt 1930.

16) Laut E. Döll, Kollegiatstifte (S. 233) besaß das Ludgerikloster 977 Hufen, das Goslarer Domstift 860, das Blasiusstift 780, das Cyriacusstift 540, das Hildesheimer Michaeliskloster 406, Kloster Ringelheim 306, Lamspringe 256 Hufen.

17) Das Latenrecht gewährte den Bauern für ihre ganze Familie ein gesichertes Erbrecht, das ihnen auch im Falle einer Verpfändung durch den Grundherren erhalten blieb. Der Late seinerseits blieb an die Scholle gebunden und durfte vom Grundherren im Falle einer Flucht gewaltsam zurückgeholt werden. Die Zinsleistung und die Naturalabgaben hielten sich in erträglichen Grenzen.

18) Das Meierrecht beruhte auf einer freien Vereinbarung zwischen dem Grundherren und dem Meier, von beiden Seiten jederzeit kündbar und mit höheren Abgaben an den Grundherren verbunden. Im späten Mittelalter setzten die Meier allerdings auch das Erbrecht durch.

19) Das bedeutete natürlich auch, daß die Präsenzgelder bei unentschuldigtem Fernbleiben vom Chordienst einbehalten werden konnten. Wiederholt ist in beiden Braunschweiger Stiften von den Dechanten der Mißbrauch gerügt worden, daß manche Kanoniker in ihrer Abwesenheit einfach eine Geldbüchse auf ihren Platz stellten, um zu ihrem Geld zu kommen,

20) Das kanonische Recht bewahrte den Kleriker zunächst vor mancherlei entehrenden Strafen des weltlichen Rechtes, schützte ihn in seiner gehobenen Stellung innerhalb der Gesellschaft, indem jeder Laie, der einem Geistlichen irgendwelchen Schaden zufügte, hohen kirchlichen Strafen verfiel. Auch konnte er von niemandem gezwungen werden, sich in Krieg und Fehde mit der Waffe zu verteidigen.

21) Die regierenden Herzöge aller Linien des Welfenhauses waren im 16 .Jahrhundert am Patronat beteiligt, (vergl. Seite 29)

22) Über sakramentale Prozessionen schreibt Bugenhagen u. a. in seiner Kirchenordnung von 1528; "Daruth werstu sehn den grüweliken misbruk disses sacramentes". An zahlreichen weiteren Stellen ist ebenfalls im Hinblick auf katholische Zeremonien von solchen "greulichen Mißbräuchen" die Rede.


Entstehung der St. Cyriakus-Gemeinde

Durch die fortschreitende Besiedlung der Braunschweiger Weststadt, entstand für die zugezogenen Katholiken die Notwendigkeit der seelsorglichen Betreuung an einer zentralen Stelle. Diese Gelegenheit bot sich Anfang der sechziger Jahre zunächst in den Räumen des Caritas-Kindergartens an der Donaustraße, der bis zum November 1969 der schnell anwachsenden Gemeinde seine Räume für die Abhaltung der Gottesdienste zur Verfügung stellte.

Die erste heilige Messe im Kindergarten wurde von Propst Frese 1964 gelesen. Die Betreuung wurde sonst von der Pfarrgemeinde St. Joseph, zu deren Pfarrbezirk die Weststadt auch heute noch gehört, durchgeführt.

Auf Anordnung des Bischofs von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, wurde mit Wirkung vom 15. August 1967 die Weststadt ein eigener Seelsorgsbezirk. Mit dem Aufbau und der Betreuung der Gemeinde wurde Pastor Alfred Merten betreut, der von Hannover zu uns kam und dessen Wohnung sowie das Gemeindebüro sich im Lesumweg 6 befinden.

In Erinnerung an das in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Braunschweig gegründete St. Cyriakus-Stift, wurde vom Bischof der heilige Cyriakus als Schutzpatron dieser Gemeinde gewählt. Der heilige Cyriakus war römischer Diakon und wurde im Jahre 309 ein Opfer der diokletianischen Christenverfolgung. Im Mittelalter wurde er als einer der 14 Nothelfer verehrt, man rief ihn an gegen Besessenheit und Anfechtung in der Todesstunde.

Mit der Einführung des neuen Seelsorgers begann der systematisch organisatorische Aufbau der Gemeinde. Pastor Merten bemühte sich in mühevoller und ideenreicher Kleinarbeit, möglichst viele Gemeindemitglieder zur Mitarbeit zu gewinnen. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß sich bald ein reges Gemeindeleben bildete, das die weitgehendst untereinander unbekannten Gemeindemitglieder weiter zusammenführte. Die Einleitung des Kirchbaues in Verbindung mit einem Gemeindezentrum war die vordringlichste Aufgabe. Ein Grundstück an der Donaustraße, neben dem Caritas-Kindergarten, wurde von der Diözese Hildesheim erworben, und Pastor Merten bat alle Gemeindemitglieder, dem neu gegründeten Kirchbauverein beizutreten. Darüber hinaus wurde eine ständige Kollekte für den Kirchbau eingerichtet, und Haussammlungen wurden veranstaltet. Die von der Gemeinde aufzubringenden finanziellen Mittel umfassen die gesamte Inneneinrichtung und anteilige Baukosten. Noch lange Zeit, über den Tag der Einweihung hinaus, bleibt Kirchbaufinanzierung eine wichtige Aufgabe für die Gemeinde. (Spenden können jederzeit auf das Kirchbaukonto, Commerzbank Braunschweig 5/165600/96 überwiesen werden.)

Ab Oktober 1967 erschien der Pfarrbrief als Informations- und Kontaktmittel für die Gemeinde. Ein Helferkreis wurde gegründet, der die Verteilung der Pfarrbriefe in alle katholischen Haushaltungen übernahm.

Auf Wunsch vieler Gemeindemitglieder, insbesondere der mittleren und jüngeren Altersgruppen, entstanden Familienkreise, die sich die religiöse Wissensvermittlung sowie den Meinungsaustausch und die Pflege der Geselligkeit zur Aufgabe gestellt haben. Die meisten Familien treffen sich dazu abwechselnd in den Privatwohnungen. Die Jugendarbeit wurde mit der Bildung von Jungen- und Mädchengruppen begonnen. Ein Frauenkreis bildete sich ebenfalls und stellte sich Aufgaben im sozialen Bereich, wie Kinderbetreuung an bestimmten Wochentagen, Veranstaltungen von Kursen verschiedenster Art und nicht zuletzt religiöse Bildungsarbeit.

Auch an die älteren Gemeindemitglieder wurde bei der Bildung von Kreisen Gleichgesinnter gedacht. Die Zusammenkünfte dieses Personenkreises in zwanglos geselliger Form erfreuten sich bald großer Beliebtheit. Mehr als andere Gruppen sind ältere Menschen in einer neuen Umgebung, wo es noch wenig zwischenmenschliche Beziehungen gibt, von der Vereinsamung bedroht.

Am 10. Dezember 1967 wurde der erste Pfarrgemeinderat im Kindergarten Donaustraße gewählt. In einer jungen Gemeinde, wo es keinen Vorstand, keinen Verein oder andere Institutionen gibt, auf die sich der Pastor stützen kann, hängt viel von der Arbeit des Pfarrgemeinderates ab. Die Mitgestaltung der Laien bei der Liturgie wurde von 1968 an eingeführt.

Vom 1. Oktober 1969 an stellte sich Fräulein Johanna Schmidt als Seelsorgshelferin in den Dienst der Gemeinde.

Schon lange waren durch das ständige Anwachsen der Gemeinde die Räumlichkeiten des Caritas-Kindergartens, mit seiner für Kinder zugeschnittenen Bestuhlung, mehr als ein Behelf. Der am 1. Dezember 1969 durchgeführte Umzug in die zwischenzeitlich frei gewordene Notkirche der Ev. Gemeinde am Queckenberg brachte darum für eine Übergangszeit gewisse Erleichterungen für die Gemeindearbeit. Die Baracke konnte nun von der Gemeinde allein genutzt werden, sie blieb fast zweieinhalb Jahre Versammlungsraum der Katholiken bis zum 10./11. Juni 1972, als das neue Gemeindezentrum seiner Bestimmung übergeben werden konnte.

Auf Anordnung des Diözesanbauamtes wurden die Architekten Schneemann und Dipl. Ing. Schniepp mit der Planung des Kirchbaues beauftragt. Nach Erteilung der Baugenehmigung wurde im September 1970 mit den Bauarbeiten begonnen.Die feierliche Grundsteinlegung wurde am 16. Oktober 1971 von Herrn Generalvikar Adalbert Sendker vorgenommen.

Am Tage der Einweihung des Gemeindezentrums, dem 11. Juni 1972, wurden über 1000 Besucher gezählt, die zur Besichtigung gekommen waren; dabei handelte es sich nicht nur um Gemeindemitglieder, sondern auch mancher Weststadtbewohner oder Gast kam, der die Größe der Anlage bewunderte.

Die in den Grundstein eingelassene Urkunde

Im Jahre des Herrn 1971, am 16. Oktober, wird dieser Grundstein gelegt. Die Kath. Kirche steht unter dem Pontifikate des Papstes Paul VI. zu Rom, der das zweite vatikanische Konzil beendet hat. Bischof Heinrich Maria Janssen leitet die Diözese Hildesheim. Domikapitular e. h. Propst Franz Frese ist Dechant des Dekanates Braunschweig.

Pastor Alfred Merten wirkt als Seelsorger in dieser Gemeinde St Cyriakus, die aus der Muttergemeinde St Joseph, in der Pfarrer Friedrich Kreutzkamp amtiert, hervorgegangen ist

Zur Zeit sind in der weltlichen Ordnung Dr. Gustav Heinemann Bundespräsident, Willy Brandt Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Alfred Kubel Ministerpräsident des Landes Niederrsachsen Bernhard Ließ Oberbürgermeister und Hans Günther Weber Oberstadtdirektor der Stadt Braunschweig, welche unter 235000 Einwohnern ca. 34000 Katholiken zählt.

Generalvikar Adalbert Sendker legt den Grundstein zu dieser Kirche, die dem heiligen Cyriakus geweiht sein soll und deren Bau wir der Initiative unseres Bischofs Heinrich Maria Janssen verdanken. Mit dem Gotteshaus entstehen gleichzeitig ein Pfarrheim und Jugendräume, finanziert aus Mitteln der Diözese, des Bonifatiusvereins und aus Opfern der Gemeinde.

Planende und ausführende Architekten sind Bernhard Schneeeemann und Dipl Ing Günther Schniepp in Braunschweig

Der Seelsorgebezirk, für den die neue Kirche errichtet wird, zählt heute 2800 Gemeindemifgliedar darunter Polen, Ukrainer. Vertriebene der deutschen Ostgebiete und Gastarbeiter aus Italien und den Balkanländern Die Seelsorgearbeit begann 1946 nach Kriegsende in den Kasernen für Polen, die nicht wieder in ihre Heimat zurück konnten. Daneben feierte die Muttergemeinde Gottesdienste seit November 1964 im Caritasklndergarten. 1967 übernahm Pastor Merten die Leitung der Gemeinde, der seit 1969 eine Baracke als Notkirche dient. Der Seelsorgebezirk umfaßt die Weststadt, ein Neubaugebiet im Südwesten der Stadt Braunschweig zwischen Bahnlinie, Timmerlaher Busch, Madamenweg und Westtangente. Für die Zukunft rechnen wir mit 5500 Katholiken,

Das neue Gotteshaus soll den aus allen Teilen Europas hier angesiedelten Menschen Geborgenheit schenken Hier mögen sich die Gemeindemitglieder untereinander im Glauben stärken durch gemeinsames Gebet und Bekenntnis zu Christus, ihrem Herrn, und zusammenwachsen zu einer dienenden und liebenden Ortskirche zu einem Zeichen für die Gemeinschaft mit Gott und für die Brüderlichkeit aller Menschen

Braunschweig, den 16. Oktober 1971
Die in den Grundstein eingelassene Urkunde

Sinn und Zweck dieses Zentrums ist die Öffnung für alle Menschengruppen und Altersstufen, gleich ob sie positiv oder negativ zum Christentum, oder abseits stehen. Diesem Zweck dient die ganze Einrichtung mit ihrer Wandlungsmöglichkeit in große und kleine Tagungsräume, Kücheneinrichtung, Jugendheim, Bastelraum und Mehrzweckraum. Für wärmere Tage stehen auch Freiflächen zur Verfügung.

Im Gemeindebezirk der Weststadt, die z. Zt. etwa 3500 Seelen umfasst, gibt es auch eine polnische Gemeinde, sie wird von Pfarrer Scholz betreut. Junge Menschen daraus haben sich zu einer Folklore-Gruppe zusammen getan, die sehr zur Bereicherung des Gemeindelebens beiträgt.

Als weitere Seelsorger, die ihren Wohnsitz im Bereich der Weststadtgemeinde bekamen, ist der in Ruhestand befindliche Pfarrer Genge aus Bütow in Pommern zu nennen. Er beging sein 60-jähriges Priester Jubiläum im Jannuar 1970. Trotz seines beträchtlichen Alters (88 Jahre), hilft er noch gerne bei den Gottesdiensten aus.

Herr Pastor Leodegard Schmidt kam zu uns in die Weststadt als Krankenhausseelsorger für das Dekanat Braunschweig. Darüber hinaus hilft er in der St. Josefsgemeinde aus. Die oekumenische Arbeit wird in der Weststadt durch gute Beziehungen, Gespräche und gemeinsame Gottesdienste mit der ev. Gemeinde gepflegt.

Der eigentliche Mittelpunkt unserer Gemeinde ist mit der Fertigstellung und Weihe unseres Gotteshauses geschaffen. In Dankbarkeit können wir uns heute vor dem Allerheiligsten verneigen, weil Gott dieses Werk durch unseren Glauben entstehen ließ. Unser Dank gilt auch allen, die es ermöglichten und mithalfen, daß dieser Bau entstand.

Wolfgang Thomas


Einige Bemerkungen zum Innenraum der neuen Kirche

Bei einem Kirchenneubau erwartet man mit Recht, daß im äußeren und inneren Erscheinungsbild etwas davon zum Ausdruck kommt, was eine Gemeinde heute unter Gottesdienst versteht. Diese Erwartung haben nicht nur alle, die den Neubau innerhalb des Wohngebietes, als Außenstehende mit mehr oder weniger kritischen Beobachtungen entstehen sahen. Besonders die, welche selbst zur Kirche gehören, erwarten von diesem Neubau Antworten auf die Fragen, die seit der Liturgie-Erneuerung bislang offen geblieben sind. Schließlich bietet ein Neu-Bau die Chance, nun endlich einmal alles richtig zu machen. Deshalb werden viele das neue Gotteshaus betreten und das Besondere suchen, das Neue, das Endgültige.

Wenn es gilt, daß wir die Kirche sind, die unterwegs ist, dann müssen diese Erwartungen korrigiert werden. Dann könnte das Besondere gerade darin liegen, daß es in diesem Gotteshaus nicht viel Endgültiges gibt. Die Zeit, da man Kirchen baute, die für Jahrhunderte bestimmt waren, ist vorbei. Vorbei ist wohl auch, daß wir alles mit großer Sicherheit in Besitz nehmen. Nicht Unsicherheit wird hier verkündet, sondern Offenheit - nicht nur Gewißheit, sondern Erwartung.

Dieses Haus soll einer Gemeinde zur Verfügung stehen, die in der schnellebigen Zeit eine Raststätte sucht. Dies soll ein Haus zum Ausruhen sein, zur Sammlung und zur Versammlung, um in der Gemeinschaft Gott zu suchen, ihn zu loben und ihm zu danken. Zu diesem Sinn und Zweck ist dieses Haus gebaut und eingerichtet.

Zunächst einmal ist es ein Raum, in den man eintreten kann, wann immer man will. Außen und Innen als Haus erfahrbar mit seinen vier Wänden und einem Dach, mit Fenstern, die das Licht hineinlassen, und mit Sitzgelegenheiten, zum Ausruhen. Auf einer erhöhten Plattform steht der Tischaltar, der in seiner Form die Grundform des Hauses wieder aufnimmt. Alles ist auf diesen Tisch ausgerichtet. Hier geschieht das Wesentliche: hier begegnet der Glaubende Gott im heiligen Opfer, im Mahl und im verkündeten Wort. Das soll alles gut zu sehen sein für jeden Einzelnen der Gemeinde, aber es soll nicht zur Schau gestellt werden wie auf einer Bühne. Diese Begegnung findet inmitten der Gemeinde statt, die Gemeinde selbst wird zum Ort der Begegnung. Es wird also an der Bereitschaft der Gemeinde liegen, offen dafür zu sein. Eine passive Haltung reicht nicht aus. Dieses Gotteshaus ist zunächst einmal ein Angebot. Es gibt sonst nichts zu sehen, nur das, was sich die Gemeinde zur Hilfe schafft, ihre Feier über das menschliche Unvermögen hinauszuheben.

Das Zeichen des Kreuzes, das allen vor Augen steht, soll genau das verdeutlichen. Im Erkennen und Annehmen unserer Endlichkeit werden wir hineingenommen in die unendliche Liebe Gottes.

Die Horizontale ist in diesem Raum besonders betont. Das umlaufende Band, das den Gemeinderaum von der Dachhaube trennt, das Fensterband darüber mit dem verzahnten Motiv der farbigen Glasfelder, die breitgelagerte Betonwand hinter dem Altar, alles das beschreibt die Horizontale, wie die ausgestreckten Arme des Kreuzes. Es ist die Bewegung des Sammelns, des Verbindens; aber auch die Dimension des Endlichen, des Diesseits. Die Vertikale, das Durchbrechen menschlichen Unvermögens muß gerade hier ihren Platz haben. Das hohe Dach ist kein nutzloser Raum, wenn ich mich darunter geborgen weiß und mich nicht bedrückt fühle. Wenn ich frei werde um den Kopf, damit ich denken kann und danken.

Es wird also an der Gemeinde selbst liegen, diese Grundausstattung zu erweitern und dem jeweiligen Gottesdienst anzupassen. Das soll sich an den Festen des Jahreskreises orientieren oder am Thema des Tages. Das ist nicht mehr die Aufgabe eines Künstlers sondern die der Gemeinde und der verantwortlichen Leitung.

Die Grundausstattung besteht aus dem Altar, dem beweglichen Verkündigungsplatz, dem Tabernakel und dem großen Kreuz. Der Altar ist, wie der Fußbodenbelag, aus Kattenfels-Marmor. Dieser Stein kommt aus Warstein im Sauerland. Dort wurde der Altar und auch die Tabernakelstelle gearbeitet.

Der Tabernakel und das Verkündigungspult sind mit Reliefplatten geschmückt. Es ist eine handwerkliche Arbeit, bei der Buntmetalle im Schweiß-Schmelzverfahren bearbeitet und montiert sind.

Das Kreuz ist eine Arbeit des Bildhauers Josef Krautwald aus Rheine/Westf. Die farbigen Fenster sind im unteren Kirchenraum in Beton-Dickglas ausgeführt. Die Oberlichtfenster wurden zum Teil farbig verglast. Hier sind edle Echtantikgläser, in Blei gefaßt, eingesetzt.

Im Seitenraum ist in eine Bruchsteinwand aus Elmkalkstein eine Vitrine eingebaut. Darin befindet sich eine Nachbildung der Ikone der Madonna von Tschenstochau. Die Konzeption und Entwürfe für diese Gesamtausstattung sind von

Claus Kilian, Braunschweig


St. Cyriakus aus der Sicht der Architekten

1. Städtebauliche Situation
Die Kirchenanlage, die in der neuen Weststadt für ca. 5000 katholische Gemeindemitglieder gebaut wurde, liegt an städtebaulich bevorzugter Stelle an der Donaustraße, direkt gegenüber der Einmündung der Lechstraße. Jedem Besucher und Bewohner der Weststadt fällt das Kirchendach durch diese Lage schon von weitem auf, sowohl wenn er von der Broitzemer Staße aus die Donaustraße betritt, als auch wenn man aus der Lechstraße kommend in Richtung Stadtmitte geht oder fährt.

2. Die Gebäude
Die Kirchenanlage besteht aus der Kirche, dem Gemeinde- und Jugendheim und dem Pfarrhaus. Bestimmend für den äußeren Eindruck ist die Kirche, welche sich als ruhiger Flachbaukörper aus dunklem Verblendstein zeigt, auf dem, durch umlaufende Fensterbänder getrennt, das mit schwarzem Eternit-Schiefer gedeckte Dach aufgesetzt ist.

Das eingeschossige Gemeinde- und Jugendheim zeigt den gleichen Klinker an den Endscheiben, die übrigen Fassadenflächen des Flachdachgebäudes sind geputzt oder aus gestrichenem Beton.
Das 2-geschossige Pfarrhaus wird geputzt.
Weiße Blenden aus Eternit geben einen reizvollen Kontrast zu den dunklen Verblend- und Dachflächen.

3. Nutzung und Ausstattung
Die Kirche ist als quadratischer Raum mit seitlich angeschlossener Marienkapelle, Beichtraum und Sakristei entworfen. 4 Beton-Halbbinder tragen das Dach des Kirchenraumes, welches als Zelt, in dem die Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt, gestaltet ist. Die seitlichen Anbauten sind flach gedeckt. 280 Sitzplätze sind durch feste Bestuhlung geschaffen worden, loses Gestühl kann zusätzlich rechts und links von der Altarinsel aufgestellt werden.

In der Marienkapelle sind 30 Sitzplätze (feste Bestuhlung) vorhanden. Die durch farbige Betonglasflächen unterbrochenen Wände sind 3-seitig in Sichtbeton mit Schalungsstruktur, an der Seite zur Sakristei mit einer Holzverbretterung ausgeführt. Das Zeltdach ist ebenfalls mit Naturholz verbrettert.

Das Jugendheim enthält außer dem durch eine Faltwand teilbaren Saal Gruppenräume für die unterschiedlichen Bedürfnisse wie Lesen, Plaudern, Skatspielen im Erdgeschoß und Basteln, Musizieren, Tischtennisspielen u, ä. im Untergeschoß. Eine Teeküche und weitere Nebenräume ergänzen das Raumangebot.

Das Pfarrhaus, welches als 2. Bauabschnitt im Rohbau fertiggestellt wurde, nimmt die Wohnungen für den Pfarrer, seine Haushälterin und die Pfarrhelferin auf. Auch die Büroräume sind im Pfarrhaus vorgesehen.

4. Bauablauf
Im Herbst 1969 wurde mit der Planung begonnenen, im April 1970 war sie abgeschlossen. Nach Zustimmung durch das Bischöfliche Generalvikariat und Sicherstellung der Finanzierung für Kirche und Jugendheim (die Finanzierung des Pfarrhauses wurde als 2. Bauabschnitt in Aussicht gestellt) konnte im September 1970 der Bauantrag eingereicht werden.

Er wurde am 4. 11. 1970 genehmigt. Mit den Bauarbeiten wurde am 26. 4. 1971 begonnen. Am 16. 10. 71 wurde feierlich der Grundstein gelegt. Das Jugendheim konnte der Gemeinde schon am 10. 6. 1972 zur Benutzung übergeben werden. Heute ist nun der Zeitpunkt für die Weihe der Kirche gekommen.

Das im Herbst 1972 als 2. Bauabschnitt begonnene Pfarrhaus wird voraussichtlich noch in diesem Jahre ebenfalls fertiggestellt sein.

5. Technische Daten
Kirchengebäude: ca. 4.650 m3 umbauter Raum
ca. 633 m2 Nutzfläche
Gemeinde- und Jugendheim ca. 1.633 m3 umbauter Raum
ca. 353 m2 Nutzfläche
Pfarrhaus: ca. 1.323 m3 umbauter Raum
ca. 260 m2 Wohn- und Nutzfläche


Zur Herstellung der Bauten wurden u. a. aufgewendet:
ca. 1.250 m3 Beton der Güteklassen B 120 bis B 300,

teilweise als Sichtbeton, teilweise als wasserdichter Beton der Kellerwände (weiße Wanne)

ca. 475 t Stahl in Form von Betonstahl I, III b und Baustahlgewebe sowie Profilstahl
ca. 580 m3 Mauerwerk aus Kalksandsteinen und Hochlochziegeln
ca. 450 m2 Verblendung aus Vormauersteinen in Dünnformat
ca. 1.750 m2 Innen- und Außenputz, teilweise als Edel-Kratzputz
ca. 750 m2 Holzverbretterungen
ca. 250 m Entwässerungskanäle aus Beton- und Steinzeugrohren

Die Beheizung der Kirchenanlage erfolgt über Anschluß an die städtische Fernheizung. Das Gemeinde- und Jugendheim, sowie das Pfarrhaus sind mit Radiatoren ausgerüstet, die Kirche erhielt eine kombinierte automatische Fußboden- und Luftheizungsanlage,

Planung ünd Bauleitung:

Architekten Schneemann + Schniepp, Braunschweig
Mitarbeiter Dipl. Ing. Ottilige

Künstlerische Gestaltung: Claus Kilian, Braunschweig

Bernhard Schneemann
Dipl.-Ing. G. Schniepp
Architekten BDB + BDA



Nachwort

Mir bleibt als Pastor in diesem Augenblick das Danke an die Menschen, die aus Idealismus beim Aufbau der Gemeinde aus dem Nichts treu geholfen haben, ohne zu wissen, ob ihr Tun Erfolg haben wird.

Ähnlich wie "Hans im Glück" kam ich ohne Rechte, ohne Mittel nach Braunschweig, in einen Seelsorgsbezirk, wo auch nichts war. Den ersten Speisekelch, die ersten Gewänder schenkte uns der Bischof Heinrich Maria Janssen aus seinem Privatbesitz. Den Holzaltar stiftete die Firma Köppe.

Wer aber will daran erinnert werden, wie primitiv das alles war? Wer hat noch Sinn für Dankbarkeit, die die ganze Gemeinde Familie Sadowski schuldet, die unermüdlich den Kindergarten herrichtete und nach dem Gottesdienst die Räume scheuerte. Wie schwer war es, die ersten 10 000,-- DM für den Kirchbau zu sammeln. Hier ist Frau W. aus der Arndtstraße und ihre Nachfolgerin, Frau W. Saalestraße, zu nennen. Ist dieser Geist Vergangenheit? Fast müßte man das annehmen, wenn man die Diskussionen über Gemütlichkeit, Kunst, Raumeinteilung und Anschaffungen miterlebt und das Zerstreiten erleidet ...

Und doch beginnt unsere Aufgabe jetzt nach Wegfall jeder Entschuldigung, das Äußere ist fast alles da. Schaffen wir es aber, den umbauten Raum mit Leben so zu füllen, wie Herr Kilian sich das vorstellt? Was Kirchenraum angeht, so ist das im Wesentlichen mein Gebiet. Was ich bisher getan habe, war nicht immer mein Beruf, es war Vorbereitung, war Vorfeld. Gottesdienst, Verkündigung und den Menschen bewußt machen, daß Gott da ist, sind Ziele meiner Seelsorge. Sicher hat diese Arbeit auch schon begonnen, nahm aber noch nicht den Platz im Terminkalender ein, wie es zu wünschen wäre. War es Flucht, wenn wir uns mit organisatorischen Notwendigkeiten belastet haben, um nicht vor letzte Fragen und Entscheidungen gestellt zu sein? Die Zukunft wird das zeigen, Helfen wir uns, uns auszurichten auf Gott und den Nächsten, vertiefen wir diese Haltung, um mit der Hilfe Gottes eine vom Wahn der Zeit geheilte Gemeinschaft zu werden.

Alfred Merten, Pastor




Den nachfolgend aufgeführten Firmen danken wir an dieser Stelle recht herzlich für ihre Geldspende, mit der sie zum Gelingen dieser Festschrift beigetragen habeno

Firma Walter Janocha 33 Braunschweig, Donaustr. 45
Firma Josef Inderwisch 33 Braunschweig, Am Hohen Tore 2b
Firma Horst Försterling 33 Braunschweig, Illerstr. 59 a
Gaststätte Erste Kulmbacher 33 Braunschweig, Madamenweg 164
Wolters Erfrischungsgetränke GMBH 33 Braunschweig, Alte Frankfurter Str. 211
Kunststube an St. Aegidien, H.&G. Koch 33 Braunschweig, Hinter Aegidien 1
Firma Bernhard Maring 33 Braunschweig, Bültenweg 38-43
E. F. Witting 33 Braunschweig, Schuhstraße
Max Voets 33 Braunschweig, Wolfenbütteler Str. 51
Wilhelm Kemper & Co 33 Braunschweig, Händelstr. 5

Quellen- und Literaturhinweise

A Urkunden und gedruckte Quellen

Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, Hauptabteilung Urkunden: 8 Urk und 8a Urk
Hauptabteilung Handschriften: VII B HS Band 245 - 266
Stadtarchiv Braunschweig: A III 11, B III 16

Bothonis Chronicon Brunsvicense picturatum, gedruckt in: G. W. Leibnitz,
Scriptores rerum Brunsvicensium, Band III, Hannover 1711

Chronicon rhythmicum Brunsvicense, gedr. in: Leibnitz, Scriptores rerum Brunsvicensium, Band III

Meibomius, Henricus: Außführlicher Warhaffter Historischer Bericht, die Fürstliche Land- und Erbstatt Braunschweig ....
betreffend, gedr. Wolfenbüttel 1607

Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Band 2, Braunschweig 1873-80

Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe,
hg. von Karl Janicke, Bd. 2-3, Leipzig/Hannover 1896-1911

B Literatur
Allers, Rudolf: Die drei Braunschweiger Gertruden im 11. und 12. Jahrhundert.
Braunschweiger Kalender 1962, S. 42-45

Bertram, Adolf: Geschichte des Bistums Hildesheim, 3 Bde., Hildesheim/Leipzig 1899-1925

Braun, Josef: Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst, Stuttgart 1943

Döll, Ernst: Die Kollegiatstifte St. Blasius und St, Cyriacus zu Braunschweig.
Braunschweiger Werkstücke 1967, Band 36, Waisenhaus-Buchdruckerei

Dürre, Hermann: Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter. Braunschweig 1861

Dürre, Hermann: Die beiden ältesten Memorienbücher des Blasiusstiftes in Braunschweig.
In "Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen", Jahrgang 1886, S. 1-104

Falke, Otto v., R. Schmidt und G. Swarzenski: Der Welfenschatz, Frankfurt 1930

Goetting, Hans: Die klösterlichen Exemtionen in Nord- und Mitteldeutschland vom 8. bis zum 15. Jahrh.
in "Archiv für Urkundenforschung" Band 14 von 1936, S. 105-187

Hassebrauk, Gustav: Heinrich der Jüngere und die Stadt Braunschweig 1514-1568
Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig, Jahrgang 5, 1906, S. 1-61

Havemann, Wilhelm: Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg, 3 Bde. Göttingen 1853/57

Heepe, Johannes: Die Organisation der Altarpfründen an den Pfarrkirchen der Stadt Braunschweig im Mittelalter. Bschg. 1913

Heinemann, Otto: Geschichte von Braunschweig und Hannover, 3 Bde. Gotha 1882/92

Hennecke, Edgar / Krumwiede, Hans-Walter:
Die mittelalterlichen Kirchen- und Altarpatrozinien Niedersachsens.
Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens, Bd. 11 , Göttingen 1960

Klewitz, Hans-Walter: Königtum, Hofkapelle und Domkapitel im 10. und 11. Jahrh. in „Archiv für Urkundenforschung" Bd. 16, 1939

Lütge, Friedrich: Geschichte der deutschen Agrarverfassung vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert
in "Deutsche Agrargeschichte " 3 Bde. Stuttgart 1963

Meier, Rudolf: Die Pröpste der Braunschweiger Kollegiatstifte St. Blasius und St. Cyriacus.
In "Braunschweigisches Jahrbuch" Bd. 52 von 1971 , herausgegeben vom Braunschweigischen Geschichtsverein

Müller, Theodor: Schiffahrt und Flößerei im Flußgebiet der Oker, Braunschweiger Werkstücke, Bd. 39, Braunschweiger Waisenhausdruckerei 1968

Rehtmeyer, Philipp Julius: Antiquitates ecclesiasticae Inclytae Urbis Brunsvigae oder
Der berühmten Stadt Braunschweig Kirchen-Historie. 5 Teile, Braunschweig 1707/20

Rehtmeyer, Philipp Julius: Braunschweig-Lüneburgische Chronica oder Historische Beschreibung der Durchlauchtigsten Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg. 3 Bde. Braunschweig 1722

Sack, Karl Wilhelm: Das Stift St. Cyriaci vor Braunschweig. In "Vaterländische Geschichten";..
herausgegeben von Wilhelm Görges, Erster Teil, Braunschweig 1881 , S. 42-63

Sehlig, Emil: Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, Bd. 6, erster Halbband: Die Welfischen Lande, Tübingen 1955

Spiess, Werner: Geschichte der Stadt Braunschweig im Nachmittelalter .... 2 Bde., Braunschweig 1966

Steinmann, Carl: Die Grabstätten der Fürsten des Welfenhauses. Braunschweig 1885

Stutz, Ulrich: Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-germanischen Kirchenrechtes. Darmstadt 1955

Timme, Fritz: Brunswiks ältere Anfänge zur Stadtbildung,,
In "Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte", Bd. 35 von 1963, Hildesheim 1963



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