Pfingstgruß

Fortsetzung: "Pfingstgruß" von Domkapitular Martin Tenge

 

Aber gerade diese Unbegreiflichkeit hat ihre Faszination. Denn der Heilige Geist versteht sich nicht als ein Gegenüber des Menschen. Vielmehr ist der Heilige Geist als wirksame Kraft in den Menschen hineingelegt. Wahrscheinlich hat jede und jeder von uns ein Bild von Gott dem Vater und von Jesus Christus vor Augen. Vater und Sohn haben irgendwie ein (menschlich geprägtes) Gesicht. Das hat der Heilige Geist wiederum nicht. Wenn, dann kann man das Gesicht des Heiligen Geistes in den Gesichtern der Menschen sehen.

Man kann den Heiligen Geist also weniger als eine Gestalt ausmachen, sondern ihn an seinen Wirkungen in den Menschen ablesen. Der Heilige Geist wirkt das Göttliche in unserem Mensch-Sein. Er ist die innere Antriebskraft zum Guten, zum Leben, zur Liebe. Er schenkt Inspiration, Klarheit und Mut. Er bewirkt, dass Menschen in Gemeinschaft leben können. Daher ist Pfingsten auch der Gründungstag der Kirche, der Gemeinschaft der Menschen, die sich mit Gott verbunden wissen. Manche von diesen Wirkungen kennt man aus dem eigenen Leben: wo ich über meinen Mut staune, mich auf etwas einzulassen, was ich mir eigentlich gar nicht zutraue; wo ich einen Gedanken geschenkt bekomme, der wie eine Antwort auf eine bedrängende Frage ist; wo ich mit Menschen, die ich gar nicht kenne, über mein Leben (und meinen Glauben) sprechen kann, was ich nicht erwartet habe. Eigentlich müsste die Pfingstpredigt in diesem Jahr mal darin bestehen, dass wir uns von diesen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist erzählen…

Eine Wirkung, die ich in meiner frühen Zeit als Priester einmal beschrieben bekam, konnte ich auf den ersten Blick gar nicht gut hören: „Der Heilige Geist macht kaputt – und im selben Augenblick baut er Neues auf.“

Ein Gott, der kaputt macht? Das finde ich nicht gut. Beim genaueren Nachspüren wurde mir dann aber deutlich, dass es dem Heiligen Geist nicht darum geht, zu zerstören. Aber er hilft, eine kritische Distanz aufzubauen gegenüber den Erfahrungen, die dem Leben schaden. So ist der Heilige Geist nicht nur bestärkend, inspirierend und ermunternd. Er ist auch kritisch und schenkt einen wachen Blick für Ungerechtigkeit, mangelnde Liebe, festsitzende Konflikte, Schubladen, in die wir Menschen gesteckt haben und viele andere Phänomene, die dem gelingenden Leben entgegenstehen. Vielleicht erkennen wir auch solche Erfahrungen im eigenen Leben, in denen wir auf einmal spüren, dass hier etwas nicht stimmt, dass es nicht in Ordnung ist, wie mit Menschen umgegangen wird usw.

Der Heiligen Geist hat dann eine helle Freude, wenn diese negativen Zustände erkannt werden und er sie zusammen mit den Menschen „zerstören“ kann. Aber auch der zweite Teil des Gedankens stimmt: wo diese Dinge aufgedeckt und kaputt gemacht werden, entsteht ein neuer Freiraum für gelingendes Leben: „Endlich ist es mal ausgesprochen – jetzt können wir neu anfangen!“ oder „Endlich merke ich, dass ich etwas ändern kann und dass diese Änderung für mich (und andere) eine befreiende Wirkung hat.“ oder „Jetzt merke ich, dass dieser Mensch doch anders ist, als ich dachte“.

Ich wünsche uns, dass wir den Heiligen Geist in unserem persönlichen Leben und im Leben der Gemeinde in seinen vielfältigen Phänomenen erleben: als Stärkung, Mut und Inspiration, aber auch als eine kritische Distanz zu unserem und dem Leben anderer: was machen wir hier eigentlich? Und ist es wirklich heute und unter den gegebenen Umständen der richtige Weg?

Auch wenn wir uns weiterhin an Pfingsten nicht materiell beschenken, so dürfen wir uns doch beglückwünschen, dass wir diesen kreativen und kritischen Geist Gottes in uns tragen.

Daher: Frohe Pfingsten und herzlichen Glückwunsch,

Martin Tenge